Archiv für die Kategorie „Dok-Leipzig“

Dok-Leipzig (vi): Fliegerkosmonauten

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Fliegerkosmonauten (Marian Kiss, Deutschland, Polen 2009, 88 Min.) — Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm

Während der politischen Eiszeit 1976 startete die Sowjetunion das Interkosmos-Programm: Kosmonauten aus den Bruderstaaten Polen, Tschechoslowakei, DDR, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Mongolei, Vietnam, Afghanistan und Kuba flogen gemeinsam mit Sowjetkosmonauten ins All. Die Inszenierungen in den verschiedenen Ländern gleichen sich einerseits sehr: die Kosmonauten wurden sorgfältig ausgewählt — intakte Familie, Arbeiter- oder Bauernherkunft, sie wurden nach ihrer Rückkehr als Helden gefeiert und sollten die Macht der jeweiligen Staatsführer stärken.

Andererseits mußte die Inszenierung den Ländern angepaßt werden: der mongolische Kosmonaut war Nomade, also wurde in dem Land, in dem es kaum Fernseher gab, über die die Neuigkeit gewürdigt werden konnte, eine eigene Stadt mit dem Namen Kosmos in der Wüste als Pilgerort errichtet. In Rumänien verschwand der Kosmonaut sofort von der Bildfläche, um nicht den Glanz der Ceaușescus zu beeinträchtigen. Um der Unzufriedenheit in den jeweiligen Ländern (Streiks in Polen, 10 Jahre Prager Frühling in der ČSSR) zu begegnen, sollten der polnische und der tschechoslowakische Kosmonaut (der — sorgfältig inszeniert — einen tschechischen und einen slowakischen Elternteil hatte) zuerst fliegen. Am Ende wurden dem polnischen Kosmonauten die gesunden Mandeln entfernt, damit der Tscheche vor ihm fliegen konnte.

Bei Sigmund Jähn erinnere ich mich, wie sehr in meiner Kindheit betont wurde, daß er der erste Deutsche im All sei, wo doch sonst in den Achtzigern jeglicher Bezug auf Deutschland tabu war.

Der Film sucht die Kosmonauten auf, erzählt, wie sie jetzt leben, begleitet einige von ihnen nach Sternenstadt, wo sie vom damaligen Training erzählen und ihre sowjetischen Ausbilder wiedertreffen. Der kubanische Kosmonaut ist heute im Verteidigungsministerium, der mongolische bewahrt die Kapsel inzwischen in seinem Wohnzimmer auf, seit in den Neunziger Jahren „die Mongolei privatisiert wurde“ und aus dem Verkehrsmuseum ein Einkaufszentrum wurde. Der afghanische Kosmonaut floh nach dem Abzug der sowjetischen Truppen vor den Mudschaheddin und lebt in der Nähe von Stuttgart. Sigmund Jähn arbeitet in Sternenstadt bei Moskau und bereitet heute internationale Kosmonauten auf ihren Einsatz vor.

„Fliegerkosmonauten“ hat Geschichten zu erzählen und hält eine gute Ausgewogenheit zwischen der Ernsthaftigkeit, die dafür nötig ist und der Leichtigkeit des Themas. Die Gespräche mit den Kosmonauten werden durch wunderschöne Aufnahmen aus den jeweiligen Ländern und Archivmaterial der sowjetischen Raumfahrt und aus Propagandafilmen ergänzt. Musik und Schnitt sind flott, drängen sich aber nie vor die erzählte Geschichte. Einzig die Erzählerstimme (Anna Thalbach), die aus Ich-Perspektive der ungarischen Autorin spricht, könnte an wenigen Stellen etwas mehr zurückgenommen sein.

Im anschließenden Gespräch weiß Bertalan Farkas, der ungarische Kosmonaut, der zur Premiere gekommen ist, noch einige sehr interessante Ergänzungen.

Dok-Leipzig 2009 (v): A Place Without People

Mittwoch, 28. Oktober 2009

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A place without people (Andreas Apostolides, Griechenland 2009, 52 min.) — Internationales Programm Dokumentarfilm

Nachdem Bernhard Grzimek die Wildnis der Serengeti für sich entdeckt hatte, hat die britische Kolonialverwaltung und nach ihr der tansanianische Staat einen Nationalpark eingerichtet. Die Massai jedoch, die seit hunderten von Jahren mit den wilden Tieren zusammenleben, wurden dabei vertrieben und sind jetzt landlos mit allen Konsequenzen.

Der Film widmet sich dem ganzen Irrsinn: daß die Savanne schon immer eine menschengemachte Landschaft war und die Nationalparkverwaltung inzwischen selbst Feuer entfachen muß, um diese zu erhalten, aber die Massai zunächst wegen genau dieser Feuer vertrieben wurden. Daß immer noch gejagt wird, allerdings kostet der Abschuß eines Löwen jetzt 80000 $ — was bedeutet, daß nur noch wegen der Trophäe gejagt wird, diejenigen jedoch, die das Fleisch brauchen könnten, nicht mehr jagen dürfen.

A place without people ergreift Partei, tut dies jedoch auf eine stille, behutsame Weise. Die Musik allerdings nimmt den Zuschauer emotional zu sehr an die Hand.

Dok-Leipzig 2009 (iv): A Blooming Business

Mittwoch, 28. Oktober 2009

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A Blooming Business (Ton van Zantvoort, Niederlande 2009, 52 min.) — Internationales Programm Dokumentarfilm

Die Schönheit der Rose, die der europäische Großstädter seiner Angebeteten schenkt, ist vergiftet.

Sag mir, woher die Blumen sind: Seit immer mehr Blumenfarmen in Kenia Rosen für Europa produzieren, trocknet der See aus. Das Wasser ist kontaminiert, die Arbeiterinnen müssen mit den Vorarbeitern schlafen, um ihre Stelle zu behalten und verlieren diese, wenn das Gesicht von den Chemikalien verunstaltet ist, denen sie ausgesetzt sind. Firmen mit Fairtrade-Siegel vergeben Aufträge an andere ohne Siegel mit schlimmen Arbeitsbedingungen.

Ein dichter, guter Film, weil er sich fast jeglichen Kommentars enthält und nur durch seine Protagonisten spricht. Diese sind beweisen großen Mut, daß sie öffentlich in einem solchen Film auftreten.

Dok-Leipzig 2009 (iii): Berlin-Stettin

Dienstag, 27. Oktober 2009

Berlin-Stettin

Berlin-Stettin (Volker Koepp, Deutschland 2009, 110 min.) — Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm

Zwischen Berlin und Stettin leben so wenige Menschen, daß die Uckermark nach EU-Kriterien als unbesiedelt gilt. Volker Koepp sucht in seinem neuen Film die Menschen auf, die es eigentlich nicht gibt. Darunter sind Protagonisten seiner früheren Filme wie die zwei Schweißerinnen aus Wittstock, die inzwischen in Rente sind, Textilarbeiterinnen in Umschulung, ein kauziger Bürgermeister, Anetta Kahane und Fritzi Haberlandt. Wie immer bei Koepp ist die Landschaft handelnde Person und man kann die Kontinuität spüren — mit der Revolution 89 ist eben nicht alles abgebrochen, sondern die Menschen sind immer noch die gleichen.

Seine Grund-Themen Besatzung und Vertreibung werden wieder im Guten (Erinnerungen mit einer alten Klassenkameradin in Karlshorst) und im Schlimmen (eine Frau berichtet von Vergewaltigung und Totschlag nach dem Einmarsch der Russen, Anetta Kahane erzählt von Chauvinismus und Ausgrenzung in der DDR-Gesellschaft) erzählt.

Koepps Stimme — und die norddeutsche Landschaft — sind die Bindeglieder zwischen den Zeitaltern seiner Filme. Seine Erzählung ist wie eine gute Gutenachtgeschichte: das Schlimme hat seinen Platz, dazwischen ist Ruhe.

Dok-Leipzig 2009 (ii): Orgesticulanismus

Dienstag, 27. Oktober 2009

Orgesticulanismus

Orgesticulanismus (Mathieu Labaye, Belgien 2008, 9:29 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Bewegung ist Ausdruck, körperlich behinderte Menschen bewegen sich anders, drücken sich also anders aus. Hübsche Bewegungs-Ideen, um mich zu berühren fehlte aber etwas.

Dok Leipzig 2009 (i): Eröffnung

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ein Jahr ist um, ich halte den noch nach Klebstoff riechenden Katalog in der Hand und bin sehr erregt darüber, eine Woche lang abzutauchen. In diesem Jahr sind die Texte freilich familienbedingt kürzer als früher.

Am Anfang des Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm gibt es Reden, aufregend ist das nicht, bis auf die leise aber sehr leidenschaftliche Eröffnungsrede Claas Danielsens, in der er privat wird und das Fernsehen auffordert, Haltung und Anspruch zu zeigen.

So setzt in den Dokumentationen des Formatfernsehens nach 30 Sekunden der Kommentar ein und zieht sich atemlos durch bis zu Minute 43, oder bei internationalen Produktionen bis Minute 52, unterbrochen nur von Interviews – alles muss leicht und eindeutig verständlich sein. Im Streben nach berechenbaren Einschaltquoten und sicherem „Audience Flow“ ist das Programm durchformatisiert worden. Festgefügte Sendungsrezepte haben das Medium erstarren lassen. Hinter diesen Formatfassaden verstecken sich die verantwortlichen Redakteure und machen sich unangreifbar. Eine redaktionelle Handschrift jedoch können sie nicht mehr hinterlassen. Sie zeigen sich nicht mehr.

[…]

Wann haben Sie im deutschen Fernsehen den letzten untertitelten Film gesehen? Auf ARTE? Vor 0.00 Uhr? Fremdsprachen werden in Deutschland nicht untertitelt, sondern wegsynchronisiert.
Machen wir uns mal klar, was da passiert: Den Menschen vor der Kamera wird ihre Stimme genommen! Und wir als Zuschauer können ihre Emotionen nicht mehr hören. So werden wir sowohl des authentischen Gefühls als auch des Wohlklangs ihrer Stimmen und ihrer Sprachen beraubt. Wie unsere Zeit, so auch das Fernsehen: Rationales Verständnis statt sinnlichem Erleben.

[…]

Und doch kann ich als sehender und hörender Mensch nicht umhin festzustellen, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen freiwillig zum reinen Massenmedium hat degradieren lassen. Wir nähern uns dem kleinsten gemeinsamen Nenner und bekommen das geboten, was am wenigsten weh tut. Wir mauern uns mental ein und erzeugen ein Wir-Gefühl der Verängstigten. Seien wir ehrlich: Die vordringlichste Aufgabe des Fernsehens ist nicht mehr Bildung, Aufklärung und gesellschaftliche Teilhabe, sondern die Ruhigstellung der vielen sozial absteigenden Menschen.

[…]

Ich fordere die Kolleginnen und Kollegen in den von uns allen finanzierten Funkhäusern auf: Steuern Sie um und widerstehen Sie. Zeigen Sie sich! Zeigen Sie ihre Frustration und Wut, die ich in Gesprächen mit intelligenten Redakteuren immer wieder höre.

[…]

Ein Schwerpunkt ist in diesem Jahr der afrikanische Dokumentarfilm, es gibt eine Dokfilmretrospektive zu Joris Ivens, die Reihe Transit ’89: Danzig, Leipzig, Bukarest, die Ergebnisse zweier Ausschreibungen: „Innere Sicherheit“ und „Breathless“, eine Animationsfilmretrospektive zu Andrei Chrschanowski, portugiesische Animationsfilme und ein Programm über das Schaffen von DDR-Animationsfilmern nach der Wende. Außerdem internationaler, deutscher und Nachwuchswettbewerb für Dokumentarfilm, Internationaler Wettbewerb Animationsfilm, Internationales Programm Dokumentarfilm, Internationales Programm Animationsfilm, Neue Deutsche Animation, Animadok, Anima für Kinder sowie Pink Elephant, the best of young international animation scene.

Nach meinem Eindruck sind wieder deutlich mehr politische Filme als im letzten Jahr dabei und insgesamt wirkt das Programm fokussierter als im vorigen Jahr.

Und jetzt eintauchen.

Dok Leipzig für einen Tag

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Das Leipziger Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm ist für mich ein wichtiger Punkt im Jahreslauf . Auch dieses Jahr werde ich wieder hinfahren, allerdings mit Familie, was dazu führt, daß hier wohl weniger stehen wird als in den vergangenen Jahren.

Wer aus Berlin nur für einen Tag hinfahren möchte, für den gibt es ein gutes Angebot: mit dem Interconnex hin und zurück, inklusive einer Tageskarte für das gesamte Festival für 39 €. Das Programm der DOK Leipzig (26. Oktober bis 1. November) gibt es hier.

Gleich: Himalaja – Dem Himmel nah

Dienstag, 9. Dezember 2008

Heute, 23.05, Arte: Himalay, chemin du ciel, ein wunderbarer Film über buddhistische Kindermönche, der dieses Jahr beim Leipziger Dokfilmfest lief.

Mehr über den Film steht hier.

Waldmusik

Sonntag, 9. November 2008

Kleiner Nachtrag: Den sehr hübschen ungarischen Animationsfilm KJFG No.5, der in Leipzig den Mephisto-Publikumsbeitrag gewonnen hat, gibts auch im Internet.

Dok-Leipzig 2008: Das war’s

Sonntag, 2. November 2008

Eintrittskarten

So. Ich bin wieder zurück, habe viereckige Augen und eine wundervolle Woche hinter mir, die mir wie ein halbes Jahr vorkommt. Es war wieder wunderschön in Leipzig und ich bin traurig, daß es nun vorbei ist. Wer nächstes Jahr mitkommen will: Das 52. Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm findet vom 26. Oktober bis zum 1. November 2009 statt.

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Die Presseabteilung hat mich zwar sehr freundlich eingeladen, aber meine Texte vom letzten Jahr haben es natürlich nicht in den Pressespiegel geschafft. Damit das in diesem Jahr anders wird, hier ein zitierfähiger Satz: „Dok Leipzig hat auch im Jahr 2008 mit einer aufregenden Auswahl von Dokumentar- und Animationsfilmen aus allen Ländern im besten Sinne fremde Welten nahegebracht und dabei gleichzeitig filminteressierte Menschen und Macher in einer gastfreundlichen Stadt versammelt.“

Oder so ähnlich.

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In die Kindervorstellungen, und das kann ich nur empfehlen, habe ich natürlich auch Kinder mitgenommen, was gleich nochmal mehr Spaß macht.

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Die Atmosphäre war auch in diesem Jahre prima, leider habe ich es nicht geschafft, zu einer der Diskussionen zu gehen. 1992 war die Atmosphäre allerdings noch besser, damals fand Dok Leipzig noch in richtigen Kinos statt: dem Capitol und dem legendären Casino mit dem noch legendäreren Eisverkäufer. Leider sind diese Kinos im Rahmen des Stadtumbaus verschwunden und die Festspiele finden jetzt in gesichtslosen 08/15-Kinos statt.

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Filmreihen, die ich völlig verpaßt habe: Afghanistan — Innenansichten, Hommage Winfried und Barbara Junge, Animadok, Smoking(No)Smoking.

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Schön war es auch, im Café Telegraph zu sitzen und diese Texte zu schreiben.

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Ich geh jetzt schlafen.

Dok-Leipzig 2008: Weitere Preisträger

Sonntag, 2. November 2008
Dok-Leipzig: Preis der Jugendjury

Man soll die Jugend nicht vor dem Abend loben: die Jugendjury der Filmschule Leipzig verleiht ihren Preis an „Pizza in Auschwitz“. Der Preis ist grauenhaft selbstgebastelt, wie es sich Max Goldt nicht besser hätte ausdenken können: auf einer Menorah ist eine Pizzaschachtel und Stacheldraht befestigt. Auf der Pizzaschachtel steht Yad Vashem. Daniel Chanoch trägts mit Fassung. Klicken macht groß.

Die Hauptpreisträger stehen hier. Es gab aber noch weitere Preise:

Edda Honigmann bekommt für El Ovido neben den Preisen der ökumenischen Jury und dem der Fédération internationale de la presse cinématographique auch die mit 3000 € dotiert silberne Taube im internationalen Wettbewerb.

Dok-Leipzig: Clemens Meyer

Clemens Meyer spricht für die deutsche Jury Dokumentarfilm

Das Herz von Jenin erhält neben dem Preis der DEFA-Stiftung noch eine lobende Erwähnung der Jury des deutschen Wettbewerbs.

Dok-Leipzig: Thomas Heise

Thomas Heise spricht für die internationale Jury Dokumentarfilm

Von der internationalen Jury Dokumentarfilm gab es noch eine lobende Erwähnung für Revolutsioon, mida ei olnud (The Revolution that Wasn’t) (Aljona Polunina, Estland, Finnland 2008, 101 min.), einen radikalen Film über die Bewegung „Anderes Rußland“.

Die internationale Jury Nachwuchs-Dokumentarfilm vergibt eine lobende Erwähnung an Sianoze (Cyanosis) (Rokhsareh Ghaemmaghami, Iran 2007, 32 min.).

Der Preis für den besten deutschen Animationsfilm (3000 €) geht an die Computeranimation Our Wonderful Nature von Tomer Eshed (Deutschland 2008, 5 min.).

Dok-Leipzig: Helena Třešiková

Helena Třešiková bedankt sich für den Blumenstrauß und den Preis des MDR

Die internationale Jury Animationsfilm erwähnt lobend die Filme Hezurbeltzak, una fos común (Hezurbeltzak, a Common Grave) (Izibene Oñederra, Spanien 2007, 4:30 min.), eine Zeichenanimation über Personen, die am Rande der Gesellschaft stehen und verschwinden, sowie La queue de la souris (A Mouse’s Tale) (Benjamin Renner, Frankreich 2007, 4:09 min.), eine 2D-Computeranimation über eine Maus, die vom Löwen aufgefressen werden soll, ihm aber einen Handel vorschlägt.

Der Preis der Gewerkschaft Verdi in Höhe von 1500 € geht an Femida (Themis as a Lady of Loose Morals) (Wiktar Daschuk, Weißrußland 2007, 85 min.).

Daschuk, ein Schüler Tarkowskis, der unter ständiger Überwachung arbeiten muß, hat einen Film gedreht über die politischen Verhältnisse und darüber, wie Lukaschenko das Land verraten hat. Seine Dankesrede war recht kurz, er sagte, daß ein Preis für ihn wie ein Orgasmus sei, ein Nebenpreis wie ein männlicher und ein Hauptpreis wie ein multipler weiblicher Orgasmus.

Dok-Leipzig: Torte

Der Festivalleiter Claas Danielsen zündet die Wunderkerzen auf der Torte an, die er zu seinem fünfjährigen Jubiläum bekommen hat. Links unten: Die Rückseite von Knut Elstermann, der auch die Preisverleihung moderiert hat. Was man nicht sieht: der Konditor hat die Torte falsch beschriftet.

Dok-Leipzig 2008 (xliii): Bedragaren

Sonntag, 2. November 2008

Dok-Leipzig 2008: The Swindler

Bedragaren (The Swindler) (Johan Palmgvren, Åsa Blanck, Schweden, Finnland, Norwegen 2008, 85 min.) — Internationales Programm Dokumentarfilm

Ein gut gemachter, kurzweiliger und spannender Film über ein schräges Thema: Mitte der Neunziger Jahre taucht in Malmö ein katholischer Priester als Gesandter des Vatikans auf. Er ist sehr charmant, äußerst großzügig, gewinnt schnell Freunde und verheiratet diverse Paare. Er erzählt, daß er im Auftrag des Vatikan mit Kunst handelt und bietet an, in diesem Bereich das Geld seiner Freunde zu vermehren. Und tatsächlich funktioniert es: aus 2000 Kronen werden schnell 4000. So vertrauen ihm die Freunde immer mehr Geld an. Als sie ihm ihr ganzes Vermögen geben, verschwindet er jedoch.

Der Film verfolgt die Spuren eines Hochstaplers: Der Ungar György Zemplényi brachte als Trainer die ungarische Schwimmannschaft bei der Olympiade in Barcelona zu ihrem höchsten Erfolg, obwohl er selbst nicht schwimmen konnte. Während der Olympiade verschwindet er mit dem Geld der Mannschaft. In Israel erschleicht er sich als orthodoxer Jude das Vertrauen von Diamanthändlern, die er eines Tages bestiehlt und verschwindet.

Nach Schweden reist er ohne Paß ein, als ihm alle hinterher sind, begeht er Selbstmord. Kurz darauf begibt er sich jedoch in die Hände der ungarischen Justiz und verstirbt, kurz bevor er ins Gefängnis muß. Auf dem Grabstein stehen jedoch nur die Namen seiner Eltern. Interpol führt in als „Z“, wo er heute ist, weiß keiner.

Dok-Leipzig (xlii): Kategorie C

Sonntag, 2. November 2008

Dok-Leipzig 2008: Kategorie C

Kategorie C (Franziska Tenner, Deutschland 2008, 83 min.) — Fokus Sachsen

Leipzig als Stadt der Kämpfe und der Ruinen. So habe ich es anfang der Neunziger empfunden und so steht es noch viel härter bei Clemens Meyer. Daß es diese leidenschaftlichen, ernsten Kämpfe immer noch gibt (und auch schon vor der Wende gab), zeigt Franziska Tenner in ihrer beeindruckenden Studie über die Hool-Szene von Lok und Chemie Leipzig.

„Kategorie C“ bewegt sich um das Leben dreier Hooligans, die umfangreich zu Wort kommen. Dabei bezieht der Film weder gegen noch für sie Stellung, auch der Rechtsradikalismus der Leipziger Fans wird nicht angesprochen. Das tut dem Film, der sich eher den Mechanismen, Beziehungen und Männlichkeitsritualen widmet, aber sehr gut, denn so kommt es zu einem Blick auf die anderen Phänomene: die Verbundenheit, der Idealismus, die Wut auf die Polizei. Diese kommt mit zwei Beamten auch umfassend zu Wort und auch hier werden keine Verlautbarungen abgegeben, sondern der Blick von innen gezeigt.

Man merkt mehrmals, daß das Verhältnis zwischen Hools und dem Filmteam recht angespannt ist. Franziska Tenner nimmt die Protagonisten zwar sehr ernst und will sie nicht vorführen, aber bei konkreten Aktionen wird das Team dennoch mehrmals unsanft ausgeladen.

Eine wunderbare Idee war es, den Film während der Weltmeisterschaft 2008 in Leipzig zu drehen. Während die Hooligans, die mit Leidenschaft Losermannschaften unterstützen, Innenstadtverbot bekommen, trifft sich die Mittelschicht zum Kommerz und Beckenbauer äht. Eine weitere gutgemachte Collage ist die Zusammenstellung von Politikerblasen bei der aktuellen Stunde im sächsischen Landtag zur Gewalt beim Fußball.

„Kategorie C“ ist ein mutiger, ein schmerzhafter, ein guter Film. Leider hat er es etwas schwer: der MDR lehnt eine Fernsehausstrahlung ab, weil das angeblich nicht sein Thema sei.

Dok-Leipzig (xli): Oktapodi

Sonntag, 2. November 2008

Oktapodi (Julien Bocabeille et al., Frankreich 2007, 2:27 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Zwei Kraken fliehen vor einem Koch. Witzige, rasante Slapstick-3D-Computeranimation, etwas zu bonbonbunt für meinen Geschmackt.

Dok-Leipzig 2008 (xl): 7 More Minutes

Sonntag, 2. November 2008

7 More Minutes (Izabela Plucinska, Deutschland 2008, 7:30 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Nach einem Zugunglück sind die Opfer an einem Strand, ziehen sich aus und gehen ins Wasser. Wunderhübsche Knetanimation mit vielleicht etwas seltsamer Story, aber schönen Charakteren.

Dok-Leipzig 2008 (xxxviii): Moving Still

Sonntag, 2. November 2008

Moving Still (Santiago Caicedo de Roux, Frankreich 2007, 2:22 min.) — Internationales Panorama Animationsfilm

Ein Zugfahrt durch eine sich wiederholende und verwandelnde Stadt. Schon wieder so eine Computeranimationsübung ohne Reiz.

Dok-Leipzig 2008 (xxxvii): Epizod

Sonntag, 2. November 2008

Dok Leipzig 2008: Epizod

Epizod (Episode) (Agata Gorządek, Polen 2007, 6 min.) — Internationales Panorama Animationsfilm

Der Zeichentrickfilm Epizod beschreibt eine Schizophrenie, unruhig, hoffnungsvoll, grausam.

Dok-Leipzig 2008 (xxxvi): A Letter to Colleen

Sonntag, 2. November 2008

Dok Leipzig 2008: A Letter to Colleen

A Letter to Colleen (Carolyn London, Andy London, USA 2007, 8:36 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Andy schreibt in einem Brief an Colleen die Erinnerungen an die traumatischen sexuellen Erlebnisse an seinem 18. Geburtstag nieder. Schön, aber vielleicht ein bißchen zu gefällig.

Dok-Leipzig 2008 (xxxv): Muto

Sonntag, 2. November 2008

Muto (Blu, Italien 2008, 6:45 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Der italienische Künstler Blu macht ungewöhnliche, ganz eigene Arbeiten, die häufig den öffentlichen Raum einbeziehen und manchmal, wie hier, etwas größenwahnsinnig sind: In Baden und Buenos Aires hat Blu die einzelnen Bilder seines Animationsfilmes auf Hauswände, Böden, Zäune etc. gemalt.

Dok-Leipzig 2008 (xxxiv): Global Warming

Sonntag, 2. November 2008

Global Warming (Sheldon Lieberman, Igor Coric, Australien, Serbien 2007, 1:50 min) — Internationales Panorama Animationsfilm

„I don’t believe in global warming“ singt der Hauptheld der gut getimeten 2D-Computeranimation. Sehr witzig.

Dok-Leipzig 2008 (xxxiii): Margot

Sonntag, 2. November 2008

Margot (Gerlando Infuso, Belgien 2008, 11 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Oh, traumhaft. Margot hat ihren Geliebten verloren, sie friert, ist einsam und wird langsam verrückt. Ein sehr aufwendiger, genauer Puppentrickfilm in einer dunklen Welt, der von der Trauer und Sehnsucht handelt. Feine Musik (Carole Meyer).

Dok-Leipzig 2008 (xxxii): Quidam dégomme

Sonntag, 2. November 2008

Quidam dégomme (A Sheep on the Roof) (Rémy Schaepman, Frankreich 2007, 6:45 min.) — Internationales Panorama Animationsfilm

Digitale Cut-Out-Animation über einen Mann, dessen Leben sich entscheidend ändert, als überall verrückte Tiere auftauchen. Etwas unruhig und nicht im Rhythmus.

Dok-Leipzig 2008 (xxxi): Last Time in Clerkenwell

Sonntag, 2. November 2008

Dok Leipzig 2008: Last Time in Clerkenwell

Last Time in Clerkenwell (Alex Budovsky, USA 2007, 3:55 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Laut und aufdringlich. Musikalische Kanarienvögel haben wir letztes Jahr schon wesentlich schöner gesehen.

Dok-Leipzig 2008: Die Preisträger

Sonnabend, 1. November 2008

In diesen Minuten werden die Preise des 51. Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm verliehen. Auf dieser Seite werden in den nächsten Stunden noch diverse Filme besprochen werden, es laufen ja auch morgen noch Filme. Hier aber schon einmal die Preisträger:

Dok Leipzig 2008: René

Die Goldene Taube für Dokumentarfilme, Langmetrage (> 45 min.), dotiert mit 10000 €, geht an René (Helena Třešiková, Tschechien 2008, 83 min.). Der Film beobachtet René in den Jahren von 1989 bis 2008. In dieser Zeit ist er meist im Gefängnis und nur kurze Zeit in Freiheit. René erhält außerdem den MDR-Filmpreis in Höhe von 3000 €.

Die Goldene Taube für Dokumentarfilme, Kurzmetrage (< 45 min.), dotiert mit 5000 €, bekommt Do bólu (… Till it hurts) (Marcin Koszałka, Polen 2008, 25 min.)

Dok Leipzig 2008: Hochburg der Sünden

Die Goldene Taube im deutschen Wettbewerb Dokumentarfilme, dotiert mit 10000 €, geht an Hochburg der Sünden (Thomas Lauterbach, Deutschland 2008, 78 min.), einem Film über eine türkische Hausfrau in Stuttgart, die ihrem Alltag entflieht, indem sie an einer „Medea“-Inszenierung des Stuttgarter Staatstheaters teilnimmt, für die Laiendarstellerinnen gesucht werden. Die Theaterarbeit stellt ihr Weltbild in Frage.

Die Talent-Taube für den Dokfilm-Nachwuchs, dotiert mit 10000 €, für das nächste Dokfilmprojekt ging bereits gestern an den Film Goleshovo (Ilian Metev, Vereinigtes Königreich, Bulgarien 2008, 34 min.).

Dok Leipzig 2008: Skhizein

Die Goldene Taube für den besten Animationsfilm, dotiert mit 5000 €, erhält Skhizein (Jérémy Clapin, Frankreich 2008, 13:35 min.) über Henry, der, nachdem er von einem Meteoriten getroffen wurde, 91 cm neben sich lebt.

Dok Leipzig 2008: Rabbit Punch

Die Silberne Taube Animationsfilm, 2000 €, geht an Rabbit Punch (Kristian Andrews, Vereinigtes Königreich 2008, 5:30)

Dok Leipzig 2008: Das Herz von Jenin

Der Förderpreis der DEFA-Stiftung (4000 €) geht an Das Herz von Jenin (Marcus Vetter, Leon Geller, Deutschland, Israel 2008, 89 min.). Im palästinensischen Flüchtlingslager in Jenin erschoß ein israelischer Soldat den Jungen Ahmed Khatib. Sein Vater Ismael beschließt, Ahmeds Organe für israelische Kinder zu spenden. Zwei Jahre später besucht er mit dem Filmteam die Familien dieser Kinder.

Dok Leipzig 2008: Oblivion

Der Preis der ökumenischen Jury geht an El Ovido (Oblivion) (Heddy Honigmann, Niederlande, Deutschland 2008, 93 min.) über Menschen aus Peru, die in ihren Berufen anderen dienen. El Ovido bekommt außerdem den Preis der Fédération internationale de la presse cinématographique.

Der Preis der Jugendjury der Filmschule Leipzig geht an Pizza in Auschwitz (Moshe Zimmermann, Israel 2008, 66 min.).

Den Mephisto-Publikumspreis erhält KJFG No. 5 (Aleksej Aleksejew, Ungarn 2007, 2 min.)

Dok Leipzig 2008 (xxx): Ona koja mjeri

Sonnabend, 1. November 2008

Dok Leipzig 2008: She who measures

Ona koja mjeri (She who measures) (Veljko Popovic, Kroatien 2008, 6:40 min.) — Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

3D-Computeranimationen leiden, wenn sie nicht von Pixar sind, manchmal daran, zu perfekt, zu glatt, zu unnatürlich zu sein. Popovic, der von sich sagt, den kreativen Geist der Amigaszene in die heutige Welt tragen zu wollen, schafft es, einen anrührenden, rumpeligen, kratzigen Film über Shopping-Sklaven ohne freien Willen zu machen. Dazu gute Musik von Hrvoje Stfotic.

Dok-Leipzig 2008 (xxix): Kein Abschied — nur fort

Sonnabend, 1. November 2008

Kein Abschied — nur fort (Lew Hohmann, Joachim Tschirner, Deutschland 1991, 100 min.) — Fremde Heimat

„Kein Abschied — nur fort“ beobachtet von 1989 bis 1991 zwei Familien und einen Familienvater, die im Oktober 1989, wenige Wochen vor der Maueröffnung über Ungarn in den Westen gegangen sind. Wenn man hier auf dem Festival schon eine Woche aktuelle Dokumentarfilme geschaut hat, ist man zunächst etwas enttäuscht, so einen Film mit der typischen Handschrift der DEFA der Achtziger Jahre zu sehen: schwarz/weiß, langsam, melancholisch. Der nächste Eindruck ist die Scham, die mich immer erfaßt, wenn ich die Klamotten sehe, in denen wir damals rumgelaufen sind. Peinlich.

Dann aber entwickelt sich der Film zu einem großartigen Drama über Menschen, die einfach losgehen, um ihr Glück zu versuchen. Komisch-tragisch die Marzahner Familie, deren Vater wie Hans im Glück sich fröhlich berlinernd durch den Westen wurschtelt, die aber offensichtlich wirtschaftlich kein Bein auf den Boden bekommt. Bei dem Vater, der seine Familie in der Lausitz zurückgelassen hat, sind die Motive recht unklar, lange Zeit ist auch nicht klar, ob die Familie zu ihm zieht, oder er zurückgeht, bis er nach einem Rückenschaden nicht mehr arbeiten kann und nach hause kommt. Die dritte Familie versucht es im Westen mit großer Anstrengung zu schaffen, um dann im Sommer 1990 nach Magdeburg zurückzukehren und sich dort selbständig zu machen.

Es ist berührend, diese Menschen aus einer Zeit zu sehen, als wir noch ganz anders auf die Kamera reagierten: einerseits recht scheu und — wie in der DDR üblich — bei persönlichen Themen in Offizialsprache und das „man“ flüchtend. Andererseits überhaupt nicht so abgebrüht, wie mittlerweile jeder ist, sondern durchaus bereit, über Schwächen, Verluste und Trauer zu sprechen und generell sehr offen gegenüber einem Leben im Ungewissen. Nun darf man nicht denken, wir hätten in der DDR keine Masken aufgehabt, ganz im Gegenteil. Aber es waren andere Masken als die heutigen und das macht diesen Film sehr faszinierend.

Dazu gehört auch, wie der Vater der dritten Familie von seinen Fluchtmotiven spricht: er hatte sich als Mitarbeiter an einer Tankstelle an der Transitstrecke als IM verpflichtet, wurde immer mehr unter Druck gesetzt, Erpressungsopfer zu liefern und über eigene Kollegen zu berichten, daß für ihn der Ausweg nur noch in der Flucht bestand. Auch sein Führungsoffizier, der nach der Wende (wie einige Stasileute) bei Minol an der Tankstelle anfängt, spricht über seine Arbeit, wenn auch mit großen Ausflüchten.

Hohmann und Tschirner wollten schon 1988 einen Film über die Ausreiseproblematik machen. Das Projekt wurde aber von oben verhindert, bis es in der Wendezeit im Oktober 1989 genehmigt wurde. Als sie dann in der Aufnahmestelle in Marktredwitz nach Protagonisten suchen, ist die Reaktion verständlicherweise sehr ablehnend, weil die Flüchtlinge eher schockiert sind, daß die DEFA schon vor ihnen da ist.

Dok-Leipzig 2008 (xxviii): Der Kinder wegen — Flucht ins Vaterland

Sonnabend, 1. November 2008

In Leipzig gibt es jedes Jahr sorgfältige Retrospektiven, die vom Bundesarchiv Filmarchiv veranstaltet werden. In diesem Jahr ist eine Reihe Fremde Heimat, die Filme zeigt, die sich mit Migration nach, von und innerhalb Deutschlands befaßt.

Dok Leipzig 2008 -- Der Kinder wegen -- Flucht ins Vaterland

Der Kinder wegen — Flucht ins Vaterland (Winfried Junge, DDR 1963, 15 min.) — Fremde Heimat

DDR-Propagandafilme gab es ja einige, aber dieser hier ist ein besonders absurdes Beispiel: Zwei Jahre nach dem Mauerbau wird ein Film gedreht, der Übersiedler aus Westdeutschland zeigt, die begeistert ein neues Leben in der DDR beginnen.

Winfried Junge ist dieser Film, der ihm als junger Mensch aufgenötigt wurde, und durch den er überhaupt erst Regisseur werden durfte, recht peinlich. Ich finde auch, daß ziemlicher Mut dazugehört, sich nach der Vorführung vor das Publikum zu stellen.

Winfried Junge hat zusammen mit seiner Frau Barbara die Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ gedreht, die von 1961 bis 2007 Bewohner des Dorfes Golzow begleitete. Eine eigene Reihe würdigt sie auf dem diesjährigen Festival, dadurch war für Junge auch die Aufführung dieses Filmes erträglich.

„Der Kinder wegen“ wurde produziert in einer Gruppe, die im Auftrag des Außenministeriums Propagandafilme herstellte, die in den DDR-Botschaften in aller Welt zeigen sollten, wie schön es in der DDR ist. Diese Filme waren häufig besonders weltfremd. „Der Kinder wegen“ wurde dann auch von den Botschaften abgelehnt und verschwand in der Kiste.

Dok-Leipzig 2008 (xxvii): Cocais, a cidade reinventada

Sonnabend, 1. November 2008

Dok Leipzig 2008 -- Cocais, the reinvented town

Cocais, a cidade reinventada (Cocais, the Reinvented Town) (Inês Cardoso, Brasilien 2008, 15 min.) — Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm

In Cocais war einst ein psychiatrisches Krankenhaus. Im Zuge der Psychiatriereform wurde es vor Jahren aufgelöst, es stehen nur mehr Ruinen. Inês Cardoso hat sich ein Jahr lang mit ehemaligen Patienten und Mitarbeitern getroffen. Die Patienten erzählen von früheren Zeiten, von Liebe, dem Kino und ihrem Leben. Ein stiller Film.

Dok-Leipzig 2008: Talenttaube für Goleshovo

Freitag, 31. Oktober 2008

Während das Festival noch bis Sonntag geht, findet heute abend die erste Preisverleihung statt: Die Talenttaube der Jury des internationalen Nachwuchspreises geht an den sehr schönen britisch-bulgarischen Film Goleshovo. Lobend erwähnt werden „The Revolution that wasn’t“ (Finnland/Estland) über die Bewegung „Anderes Rußland“ sowie der iranische Film „Cyanosis“ über einen Straßenkünstler in Teheran.

Dok-Leipzig 2008 (xxvi) — Status: geduldet

Freitag, 31. Oktober 2008

Na, könnt Ihr noch lesen? Haltet durch, ich muß die Filme ja auch noch alle sehen. Es ist jetzt die Hälfte rum und mein Zeitgefühl ist völlig weg. Durch die vielen Eindrücke habe ich das Gefühl, schon Monate hier auf dem Festival zu sein.

Dok Leipzig 2008 -- Status: Geduldet

Status: geduldet (On Sufferance) (Silvana Santamaria, Deutschland 2007, 60 min.) — Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm

Hajrije Huseini ist mit vier Kindern 1992 aus dem Kosovo nach Stuttgart geflüchtet, nachdem ihr Mann umgebracht wurde. Seitdem muß sich die Roma-Familie aller drei Monate von Duldung zu Duldung hangeln, ständig in der Angst abgeschoben zu werden. Die Kinder fühlen sich längst als Deutsche, haben aber vor allem Angst um die Mutter. Diese frißt ihren Kummer in sich hinein, weil sie die Kinder damit nicht belasten will, es bricht aber aus ihr heraus in Gewalttätigkeiten gegen die Kinder.

Diese sind einerseits recht selbstbewußt, leiden aber sehr unter der unsicheren Situation. „Status geduldet“ begleitet die Familie in einem klugen, sehr intimen Film. Die Schwierigkeiten, Traurigkeiten, aber auch der Witz werden gezeigt, ohne sie vorzuführen.

„Status: Geduldet“ zeigt, wie völlig absurd und schädlich das deutsche Ausländerrecht ist und läuft am 10. November im SWR-Fernsehen. Ich möchte ihn sehr empfehlen.