Stützen der Gesellschaft
Mittwoch, 25. Februar 2009Heute morgen beim Ausfüllen der Überweisung für die Zeitung gedacht, daß ich damit auch zu Don Alphonsos Lebensunterhalt beitrage. Gekichert.
Heute morgen beim Ausfüllen der Überweisung für die Zeitung gedacht, daß ich damit auch zu Don Alphonsos Lebensunterhalt beitrage. Gekichert.
Was für eine Nachricht: Bei dem Überfall auf eine Bank im EU-Parlament würde ich nach dänischen Tätern suchen.
Warnung:
Noch vor dem Ausbruch der Krise habe ich mich mit der Wahl eines Kontos befaßt. Beim Tages- und Festgeld fiel die Wahl leicht: bei Zinsen habe ich keine Lust, an schmutzigen Geschäften mitzuverdienen und bin zu einer der ethischen Banken gegangen. Beim Girokonto habe ich leider den Fehler gemacht, auf kostenlose Angebote hereinzufallen: Die DKB und die SKG-Bank bieten kostenlose Konten an, bei denen man weltweit kostenlos abheben kann. Die DKB ist eine Tochter der Bayerischen Landesbank, die SKG wiederum gehört zu je 50% der DKB und der Saarländischen Landesbank, die aber wiederum auch zur BayernLB gehört.
Theoretisch ist die SKG vorzuziehen, da die DKB außer der Schufa noch drei andere Auskunfteien mit meinen Daten belästigt (ähnliches tun übrigens Commerzbank und ING-Diba). Aber leider nur theoretisch: Praktisch kann man kostenlos nur mit der Kreditkarte abheben, EC-Kartenabhebungen kosten 10 €. Es gibt außerhalb des Saarlandes keine Filialen und jetzt kommt der Haken: Die Kreditkarte wird auf einem separaten Konto geführt, das man nur mit maximal 500 € belasten kann. Braucht man im Monat mehr als 500 €, muß man vom Giro- auf das Kreditkartenkonto Geld überweisen. Und das dauert innerhalb der SKG-Bank unglaubliche 2–3 Tage.
Leider habe ich nicht darauf geachtet und ein Kontenwechsel ist, vor allem bei einem Gemeinschaftskonto, schwierig. Heute würde ich aber wohl lieber zur Berliner Volksbank gehen. Die machen ihr Geschäft mit sympathischen Dingen, tauschen Daten auch nur mit der Schufa aus, man kann selbst Genosse werden und außer den Auslandsabhebungen kostet das Konto auch nichts.
[das kleine s. eben.]
Vom 5. bis 15. Februar gibt es wieder Filmfestspiele in Berlin. Hinweisen möchte ich zum einen auf die Reihe „Winter adé — Filmische Vorboten der Wende“, in der 15 Filme aus den Ostblockstaaten von 1977 bis 1989 gezeigt werden. „Winter adé“ von Heike Misselwitz — ein guter trauriger Film von 1988 über Mädchen und Frauen in der DDR, der mit einer wunderbaren Klarheit von der verlorenen Zeit berichtet — wird auch gezeigt. Als der Film auf der Berlinale 1989 in West-Berlin lief, konnten die Protagonistinnen nicht dabei sein. Das wird jetzt zwanzig Jahre später nachgeholt. Zur Reihe ein Interview mit dem Kurator Claus Löser.
Außerdem im Forum des Jungen Films: „Material“ — Thomas Heises bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Wendezeit und „Die wundersame Welt der Waschkraft“ von Hans-Christian Schmid („23“, „Requiem“) über den Weg der Schmutzwäsche aus Berliner Hotelzimmern in eine polnische Großwäscherei und die Menschen, die damit zu tun haben. (Das mit dem „Jungen Film“ ist aber ein bißchen albern, in der Winter-adé-Reihe läuft auch Heises „Wozu über diese Leute einen Film?“ von 1980. Wann wird der Mann — immerhin einer der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmer — endlich erwachsen? Und Schmid ist auch schon 43.)
… sollte vielleicht lieber S-Bahn als Auto fahren. Es ist nämlich so: es schickt sich nicht und ist nicht erlaubt, Fahrradfahrer anzuhupen, zu bedrängen oder — am gefährlichsten — zu dicht zu überholen. Nie.
Zur Erinnerung: Hupen ist innerorts ausschließlich erlaubt, um andere Verkehrsteilnehmer vor drohenden Gefahren zu warnen. In Berlin gibt es fast keine Stelle, an der Fahrradfahrer auf der Fahrbahn ohne Spurwechsel überholt werden können.
Fahrradwege, die nicht geräumt sind, sind natürlich nicht benutzungspflichtig. Solche, die nicht als benutzungspflichtig gekennzeichnet sind (blaues Schild + gleiche Vorfahrtsregeln wie parallellaufende Straße), auch nicht.
Und selbst wenn ein Fahrradfahrer einen benutzungspflichtigen Fahrradweg nicht benutzt, ist er zwar im Unrecht, hat aber erstens meist Gründe, die nicht sofort einsichtig sind (mögliche Konflikte mit rechtsabbiegenden Autofahrern, die nicht aufpassen; mögliche Konflikte mit Fußgängern; Scherben auf dem Weg, schlechte Pflasterung). Zum anderen ist das noch kein Grund, ihn und den Straßenverkehr deswegen zu gefährden.
Idioten.
Wo ich bisher arbeitete, war ich Teil einer Minderheit und wenn ich so tat, als sei meine Lebensgeschichte genauso normal wie die der anderen, wurde ich manchmal schräg angeschaut.
Dort, wo ich jetzt beschäftigt bin, arbeiten Menschen aller Nationen. In meinem Team aber sind es außer mir vier Polen, ein Russe und ein Westdeutscher. Und ich merke, daß ein Teil meiner Lebenserfahrungen mehr mit denen der slawischen Kollegen als mit denen des Franken zu tun hat.
Meine neue Arbeitsstelle liegt unweit vom Dorotheenstädtischen Friedhof und dem Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde. Ich mag diese Ecke noch aus Kindertagen sehr, und es hat sich hier noch einiges mehr erhalten als 200 m weiter südlich.
In der Mittagspause gehe ich knirschenden Schrittes durch den Schnee, an den Gräbern bedeutender Männer und unbekannter Frauen mit schönen Namen wie Lucie oder Klara entlang. Es ist schön. Am Donnerstag stand ich an den Gräbern Arnold Zweigs, Johannes Raus (ich wußte gar nicht, daß der schon gestorben war) und Ernst Litfaß’, am Freitag bei Heinrich Mann, Wolfgang Hilbig, Johannes R. Becher und Friedrich August Stüler. Auf Herbert Marcuses Grab steht nur sein Name und „weitermachen!“. Bahro, Bonhoeffer, Brecht, Müller und all die anderen kommen später (à propos: gleich im Radio: Müllernacht) — geht es nach dem Friedhof, kann ich viele Jahre hier arbeiten.
Hinter der Friedhofsmauer steht die neuerbaute Mensa Nord. Ich fand Mensen wegen der Unruhe, dem Geruch und der schlechten Laune immer ganz furchtbar. Diese hier sieht anders aus: sehr hell und drinnen sieht man lachende Studentinnen. Vielleicht gehe ich mal hin.
Ich bin einer der nicht übermäßig vielen Deutschen und vielleicht der einzige Berliner unter den Kollegen. Vor fünf Jahren, bei der Arbeit in einem ganz ähnlichen Umfeld, wurde beim Herkunftsort Berlin sofort gefragt, ob Ost oder West. Heute interessiert das niemanden mehr.
Wir mögen uns hier sehr, und das ist viel wert.
Nachtrag: Biermann (der um die Ecke wohnte) ist einst auch in der Mittagspause über den Friedhof gegangen.
Die Agentur Frontex hat gezeigt, dass es auf europäischer Ebene unterschiedliche Sichtweisen gibt. Als Italien sich mit einer Reihe weiterer Staaten an einen Tisch
zusammensetzte, hat mich erstaunt, dass wir Italiener der illegalen Immigration rechtsstaatlich begegnen, indem wir zunächst Menschenleben retten und erst dann das Delikt ahnden. Andere Staaten benutzen den Begriff diversion, der bedeutet, die Menschen zu zwingen, nach Hause
zurückzufahren. Es ist gar nicht so sehr die Tatsache, jemanden zur Umkehr zu zwingen, sondern wie man ihn dazu zwingt. Wir wurden bei offiziellen Treffen mit Einsatzplänen und schriftlichen Befehlen konfrontiert, laut denen die Abwehr der illegalen Einwanderer darin
besteht, an Bord der Schiffe zu gehen und die Lebensmittel und den Treibstoff von Bord zu entnehmen, so dass die Immigranten dann entweder unter diesen Bedingungen weiterfahren können oder aber lieber umkehren.» Auf Nachfrage des ARD-Dokumentarautors fügte Manozzi hinzu, dass insbesondere die deutschen Verbände die «harte Linie praktizieren» und den Flüchtlingsbooten Treibstoff und Lebensmittel entnähmen.
Die private Agentur Frontex organisiert für die Europäische Union die Abwehr des Zuzuges von Flüchtlingen. In Nordafrika bezahlt die EU (über humanitäre Organisationen) Lager, die zwar offiziell dafür gedacht waren, daß Flüchtlinge dort Asylanträge stellen können. Praktisch ist das dort aber nicht möglich, die Lager dienen einzig dazu, die Flucht nach Europa zu verhindern.
Der Autor Roman Herzog hat für NDR und SWR das sehr interessantes Radiofeature „Krieg im Mittelmehr“ zu diesem Thema verfaßt, das immer mal wieder in ARD-Sendern und jetzt gerade im Deutschlandradio läuft. Das Skript dazu gibt es hier (RTF), eine Zusammenfassung hier.
(Wenn Du willst, gibt es einen Gott. Fürchte Dich nicht.)
So, der Meyer hat jetzt auch etwas geschrieben, da kann ich endlich auf die FAZ-Blogs hinweisen. Ich werde nicht dazu kommen, in alle hineinzusehen, aber über einige freue ich mich sehr:
[...]
Der Grund, warum Weblogs keine Öffentlichkeit sein können, weder einzeln noch als Chor von Stimmen, ist ihre ökonomische Basis: Sie haben keine. Keine Augenwischerei: Niemand kann sich citizen journalism, der den Namen verdienen würde leisten. Leute, die Öffentlichkeit betreiben und verantwortlich damit umgehen sollen, müssen ökonomisch freigehalten werden — das ist eine Binsenweisheit. Man rettet die Welt nicht nach Feierabend.
Kritische, d.h. erkenntnisorientierte und argumentierende, Öffentlichkeit ist historisch erzeugt worden von einer Knappheit der Broadcasting-Kanäle, die eine Selektion derer nötig machte, die sie bespielen durften — und, wo sie funktioniert hat, durch eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Form des Umgangs mit den zur Verfügung stehenden Kanälen. Eine kritische Öffentlichkeit wird von Leuten initiiert, die wissen, was sie tun. Man kann nur gegen Argumente argumentieren, und um welche vorzubringen, braucht man zunächst einmal Leute, die sich freie, gründliche und redliche Argumente tatsächlich leisten können, intellektuell und ökonomisch.
[...]
Spalanzani über Musikjournalismus, die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Entwicklung von Kritikfähigkeit durch eine öffentliche Debatte. [In Folge auf Diederichsen und Frank Lachmann.]
CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg zu dem Problem, daß eine Steuersenkung nicht unbedingt die Konjunktur belebt, sondern die gesenkten Steuern auch einfach gespart werden könnten:
Wir arbeiten hier mit einem sich mehr und mehr verfestigenden Klischee in einigen Kreisen, dass – wenn man mehr netto in der Tasche hat – dann plötzlich auch mehr sparen würde oder mehr sparen müsste. Das sehe ich nicht.
Da kennt er aber wenige Leute. Ich spare ja — wie viele andere auch — jetzt schon einen großen Teil meines Gehaltes, schlicht, weil im Moment kein Bedarf ist, es auszugeben. Zahlte ich weniger Steuern, würde vom zusätzlichen Geld vermutlich auch nichts dem Wirtschaftskreislauf zufließen, sondern auch gespart werden, gerade weil die Zeiten so unsicher sind, wie sie sind. Ich betone in solchen Fragen ja gern meine Ahnungslosigkeit, aber dieser Spareffekt ist vermutlich umso ausgeprägter, je mehr die Leute verdienen und also Steuern zahlen. Damit wäre eine solche Steuersenkung großenteils fehlgeleitet.
Aber die Schule um die Ecke (nein, nicht die Stralauer) könnte mal wieder renoviert werden. Und an der Universität arbeiten viele meiner ehemaligen Kollegen unter eher anstrengenden räumlichen Verhältnissen, hinzu kommt der gravierende Personalmangel zum Beispiel in der Universitätsinfrastruktur. Das wären vernünftigere Investitionen, die über die Wirtschaftsförderung hinaus noch positive Effekte hätten.
Und wenn man im Wahljahr unbedingt den Leuten selbst Geld in die Hand geben möchte, warum erhöht man dann nicht einfach Sozialhilfe/ALGII? Alleinerziehende Mütter ohne Arbeit haben wenig Möglichkeiten zu sparen und werden das Geld vermutlich sofort wieder ausgeben. Und Wähler sind sie auch.
Gern und oft habe ich die Seiten des 1991 gegründeten Luisenstädtischen Bildungsvereines genutzt. Früher gab es die „Berlinische Monatsschrift“, seit einigen Jahren das wunderbare und wahrscheinlich umfangreichste Internetangebot zur Geschichte Berlins, dessen herausragendster Teil für mich das Straßennamenlexikon war, das alle ehemaligen und heutigen Straßennamen erklärt.
Das Internetangebot des vor allem ehrenamtlich arbeitenden Vereins wurde nun wegen fehlender finanzieller Unterstützung durch den Senat vom Netz genommen.
Ergänzung: In der Usenet-Newsgroup bln.verkehr wird weiterdiskutiert.
Eine sinnlose Autobahn soll durch Treptow und Friedrichshain gebaut werden. Alte Häuser müssen weichen und in den umliegenden Wohnquartieren wird eine starke Zunahme des Autoverkehrs prognostiziert.
Auch Stralau ist stark betroffen: Zum einen führt schon der jetzige massive Verkehrsstrom von Elsenbrücke–Alt-Stralau–Kynaststraße dazu, daß Autofahrer, aber auch der Bus, in Spitzenzeiten bis zu 40 min. stehen, bis sie von der Halbinsel herunter oder auf sie hinauf kommen. Diese Verhältnisse sind zwar wahrscheinlich nur vorübergehend, während der jetzigen Bauphase am Ostkreuz; die offiziellen Planungen rechnen aber mit noch stärkerem Verkehr auf dieser Strecke nach dem Bau der Autobahn. Des weiteren wird im nächsten Bauabschnitt (dessen Baubeginn zwar noch ungewiß ist, der aber die logische Fortsetzung sein wird, denn niemand wird die Autobahn an der Elsenbrücke enden lassen wollen) das wunderbare Haus Alt-Stralau 1-2, weichen müssen und die Autobahn in einem erhöhten Trog direkt am Eingang die Insel überqueren. Knorke.
Das Problem dieser Autobahn, die auch zu keiner Verkehrsentlastung führen wird, ist die Tatsache, daß sie von der Bundesrepublik bezahlt wird und die Berliner Regierung aus SPD und PDS sich diese Wirtschaftsförderung nicht entgehenlassen will. Von seiten der Politik sind also nur die Grünen dagegen, die haben aber nichts zu melden.
Da es nicht allein Stralau trifft, sondern auch den westlichen Teil von Treptow, das Viertel um den Rudolfplatz und den Osten von Kreuzberg, kümmert sich aber die Bürgerinitiative Stadtring Süd um Gegenwehr. Das betrifft zum einen die politische Mobilisierung, zum anderen die juristische Gegenwehr. Die sich damit auskennen, sagen, die Chance, die Autobahn auf dem Klagewege zu verhindern, ist durchaus realistisch. Allerdings kostet das viel Geld. Die BISS will hierfür gemeinsam mit dem BUND, der klageberechtigt ist, 25.000 € zusammenbekommen.
Im nächsten Jahr werden wir vom Staat diverse Steuern für gefahrene oder gegangene Kilometer zurückerhalten. Ich finde es gut, dieses Geld, für etwas weniger Mobilität zu spenden. Bei der BISS gibt es dafür 3200 symbolische Klagemeter, einer kostet 8 €. Ich habe mir mal 31,25 m gekauft. Jetzt seid Ihr dran.
Spendenkonto:
BUND Berlin
Kt. 32 888 02
BLZ 100 205 00
Sozialbank Berlin
Verwendungszweck: Spende A 100, Name, Straße, Hausnummer, Postleitzahl
Die Spenden sind voll steuerlich absetzbar. Wer noch 2008 mehr als 50 € spendet, bekommt anfang 2009 eine Spendenquittung zugeschickt.
Mehr Informationen gibt es auf der Webseite der Bürgerinitiative.
Jeden Sonntag morgen um 9.30 Uhr kann, wer nicht in die Kirche geht, um Gottes Wort zu lauschen, bei Essay und Diskurs im Deutschlandfunk eine halbe Stunde intensiv den Gedanken anderer zuhören und ihnen folgen. Heute dann ging es in einem schönen Text von Stefan Fuchs um das Hören und den Hörfunk selbst: „Die Renaissance des Hörens und die Zukunft des Radios“ (mp3).
Ein Ort des herrschaftsfreien Zuhörenkönnens im Sinne von Roland Barthes tut Not, ein Medium für die Zwischen- Unter- und Halbtöne, ein Ort der Divergenz zu den verspiegelten Bilderwelten, eine Plattform für eine neue Wertschätzung der gesprochenen Sprache, für neue Formen der Wissensvermittlung, für ein Crossover jenseits der wissenschaftlichen und journalistischen Schubladen, für eine emotionale dialogische Kultur diesseits der technokratisch missverstandenen Interaktivität. Die Zukunft des Radios wird davon abhängen, ob es diese Rolle des Aschenputtels in der Küche der postmodernen Gesellschaften auf sich nehmen will.
Man sollte dieses Feature wirklich hören, wer es nachlesen möchte, kann dies aber auch tun.
Nächste Sendung: Genuß und Askese in der Leistungsgesellschaft von Svenja Flaßpöhler, 1. Teil: Wettlauf und Erlösung am 1. Weihnachtsfeiertag, 2. Teil: Odysseus der Wellnesser am 2. Weihnachtsfeiertag, jeweils 9.30 Uhr.
Essay-und-Diskurs-Podcast • Essay und Diskurs zum Nachhören • Essay und Diskurs nachlesen
Wer sein Geld noch schnell in Sicherheit bringen möchte, bevor es womöglich nichts mehr wert ist, kann es auch stiften: Die Leipziger Denkmalstiftung sucht Gründungsstifter, die sich für den Erhalt von bedrohten Baudenkmalen in Mitteldeutschland einsetzen möchten.
Die Initiatoren sind seit mehreren Jahren schon im rührigen und erfolgreichen Stadtforum Leipzig für behutsamen Stadtumbau aktiv, das zuerst einmal auf die Situation in Leipzig aufmerksam gemacht hat, wo nämlich wertvolle Denkmale mit staatlicher Förderung abgerissen werden, sich dann mit anderen Akteuren der Region vernetzt hat und inzwischen von der Politik ernstgenommen wird.
[…]
Den Exportboom haben wir Deutschen uns also durch Gürtel-enger-Schnallen vom Munde abgespart und den Amerikanern zu günstigen Preisen unsere Güter geliefert. Als Gegenleistung haben wir Papiere bekommen, die sich jetzt als wertlos erweisen.
[…]
Wir befinden uns mitten in einer gefährlichen Krise. Aber die enthält auch die große Chance, daß das Verständnis für die Grundlagen einer stabilen, erfolgreichen und zugleich gerechten Marktwirtschaft in Wissenschaft, Politik und Medien (wieder)hergestellt wird. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, daß diese Grundlagen auch tatsächlich geschaffen werden.
[…]
Ich habe einen Teil meines Studiums an der Humboldt-Universität verbracht und bin noch diese Woche Mitarbeiter derselben. Der Referentenrat (das, was an anderen Universitäten AStA heißt), hat auf mich am Ende meiner Studienzeit (und die war lang!) und danach einen etwas weltfremden Eindruck gemacht. Während sich die Referenten noch Mitte der Neunziger Jahre vor allem für die Belange der Studenten einsetzten, ging es in meiner Wahrnehmung im Refrat und im Studentenparlament am Ende vorrangig um den Ausweis linken Bewußtseins in endlosen Diskussionen um irrelevante Themen.
Die HU-Studentenzeitung Unaufgefordert fand ich seit dem Winter 1989/90, in dem sie das erste Mal erschien, meistens sehr spannend und gut gemacht. Klar wären manchmal die ersten Gehversuche von studentischen Schreibern noch verbesserungsfähig gewesen, einiges hat mich auch gar nicht interessiert, aber immer ging es der Redaktion darum, relevante Geschichten zu schreiben und Haltung zu zeigen. Damit hoben sie sich wohltuend ab von dem, was man als Student sonst noch in die Hand gedrückt bekam: politische Verlautbarungen sektiererischer Gruppen und Kommerzblätter, die sich an die angebliche zukünftige Elite heranschleimen.
Nun soll Schluß sein: dem Referentenrat paßt die politische Ausrichtung nicht, deswegen wurden der Unaufgefordert die Gelder gestrichen. Festgemacht wird der Beschluß laut Taz am Umgang mit einem Fall sexueller Belästigung einer Studentin durch einen Professor und am großen I:
[…]
Die betroffene Studentin zog kurz vor Redaktionsschluss ihre Aussagen zurück. Im Heft war dann nur eine knappe öffentliche Erklärung der Frau zu lesen, dafür aber ein ausführlicher offener Brief des beschuldigten Professors, in dem dieser sich vehement verteidigte. Das Stupa fand die Berichterstattung unfair und sexistisch und erließ einen Beschluß zum besseren Opferschutz. Es gab Sitzungen und Schlichtungsgespräche. Als Wiedergutmachung führte die UnAufgefordert in der nächsten Ausgabe ein Interview mit der Frauenbeauftragten der Universität über Bewältigungsstrategien bei sexueller Belästigung. Doch das ging den Gremienmitgliedern offenbar nicht weit genug.
„Die Redaktion fällt immer wieder durch ihre unsensible Handhabung von Gender-Fragen auf“, kritisiert zum Beispiel Marie Melior, die als Vertreterin der grün-alternativen Hochschulgruppe im Stupa sitzt. Die 22-jährige Jurastudentin ärgert sich über fehlende Binnen-Is in der UnAufgefordert und wiederholt auftauchende Geschlechterklischees im Heft. Daß dort kaum „gegendert“ werde, widerspräche den im Stupa mehrheitlich geltenden Auffassungen von Geschlechtergerechtigkeit. „Die UnAufgefordert ist ein Organ des Stupa. Trotzdem müssen wir unsere Seiten [das Studentenparlament produziert eine Beilage zur Unaufgefordert] immer wieder dazu verwenden, deren Artikel richtigzustellen.“
[…]
Bewegt man sich außerhalb universitärer Zusammenhänge, ist einem vielleicht nicht klar, wie extrem ernst solche Sprachregelungen genommen werden. Auch in nichtstudentischen Publikationen der Universität bekommt man das große I (oder Partizipkonstruktionen wie „Studierende“) in Texte hineinkorrigiert. Komischerweise macht sich dabei niemand bewußt, daß trotz „Genderns“ in der Sprache die wichtigen Positionen der Universität immer noch männerdominiert sind und so manche Entscheidung in klassischen Männer-Kungelrunden getroffen wird.
Nüscht mit Geschlechtergerechtigkeit.
Center in Ostdeutschland: In Dresden gibt es das ODC, das Otto-Dix-Center und in Berlin-Marzahn, wie ich leider lesen muß, das Havemann-Center. Der Verein Reistrommel, der aus dem ausländerpolitischen Runden Tisch hervorgegangen ist und sich um Vietnamesen in Ostdeutschland kümmert, dokumentiert das Leben der Vertragsarbeiter in der DDR, die schwierigen Bedingungen, unter denen sie leben mußten (unqualifizierte Arbeit, ein Teil des Lohnes wurde für die Bezahlung der Staatsschulden ihrer Herkunftsländer an die DDR einbehalten, Separierung von der DDR-Gesellschaft, Trennung von der Familie, bei Schwangerschaft die Wahl zwischen Abtreibung und Abschiebung) und den Kampf um Bleiberecht und Familiennachzug nach der Wende.
„Bruderland ist abgebrannt“, bis 30. Dez. Mo., Mi. 16–20 Uhr, Di., Do., Fr. 11–15 Uhr, Havemanncenter, Wörlitzer Straße 3a.
Man wird sich nicht mehr erinnern, was das für einen Augenblick war, als die Bilder plötzlich da waren. Genausowenig, wie man sich an das Gefühl erinnert, als die Draufsicht auf die Welt plötzlich verfügbar war.
Die Graf Zeppelin und die Hindenburg
Schaulustige in Tempelhof 1927
West-Berlin 1962: Mauermädchen
Interessant, daß Fotos aus Berlin aus den Dreißigern vor allem in Farbe sind, während man sich in den Vierzigern bis Sechzigern wieder für schwarz/weiß entschied.
Diese hübsche Überschrift ist nicht von mir, sondern steht heute auf Seite 2 der gedruckten FAZ über einem Artikel von Günter Bannas, der seinem üblichen Stil (etwas atemlose und detailreiche Berichte von Hinterzimmertreffen, die aber immer amüsant zu lesen sind) einen Abriß über die Geschichte der Kungelei der bundesdeutschen Politik mit der Autoindustrie voranstellt.
Leider hat sich die FAZ dann doch nicht richtig getraut (vorne im Politikteil geht es offenbar noch immer recht streng zu) und den Artikel online langweilig mit „Das Bekenntnis der Politik zum Auto“ überschrieben. Vorwürfe der Unfähigkeit an die Politik waren mir immer zu pauschal. Wenn man aber das Handeln in der Krise sieht, möchte man schon vor Verzweiflung in den Lenker beißen. Nachdem die Bahn als flexibles Massenverkehrsmittel ruiniert wurde, werden weiterhin deutliche Signale der vergangenen Gesellschaft gesetzt. Selbst die neue grüne Spitzenkandidatin Renate Künast ist dafür, 2,5 Mrd. € in Anreize zum Kauf neuer Autos zu investieren, solange diese nur irgendwie schadstoffarm sind.
Ick könnt’ zum Stammtisch werden: Meine schönen Steuergelder werden für so einen Schwachsinn ausgegeben.
Weißgarnix hat sich die Opel-Bilanzen einmal angesehen und stellt fest, daß Opel selbst ziemlich schlecht dasteht, daß also die Staatsgelder, die hier ausgegeben werden, ein Unternehmen durchfüttern, das es eigentlich nicht verdient hat.
Nachtrag: Ich habs aber auch durcheinandergebracht und die Überschrift aus der Zeitung versehentlich verkürzt. Freudscher Verleser, ist jetzt korrigiert.
Knorkator, Deutschlands meiste Band der Welt, hören auf, und zwar am 5. Dezember in der Columbiahalle. Ist aber schon lange ausverkauft. Als ich eben Karten für das Zusatzkonzert am 4. Dezember gekauft habe, gab es nach meinem Kauf noch 22 Stück. Wer also mitkommen will, sollte sich beeilen, obwohl es draußen regnet.
Für Wißbegierige: Stumpen und Alf Ator rechnen anschaulich vor, wie weit es bis zum Horizont ist.

Die Mitte blutet immer noch — der alte Palast ist inzwischen fast weg. Fast könnte man meinen, nächste Woche Freitag, wenn die Jury über den Entwurf für das neue Schloß entscheidet, soll der ehemalige Marx-Engels-Platz wieder jungfräulich und bereit für das Neue sein. Allein — nichts wird neu sein. Den Architekten wird jetzt schon ganz schlecht, weil sie die Vorgaben des Bundestages — barocke Außenfassade und bekannte Nutzer im Inneren — umsetzen müssen.

Nachdem der Jury-Vorsitzende Vittorio Lampugnani die Entscheidung für die barocke Fassade im aktuellen Spiegel hinterfragt, wittert die überregionale Presse Morgenluft und bringt ihre jeweiligen bekannten Positionen zu Gehör: in der FAZ macht sich Andreas Kilb dafür stark, die West-Berliner Museen vom Potsdamer Platz nach Mitte ziehen zu lassen. Nina Apin wirft in der Taz dem Bundesbauministerium vor, die wahren Baukosten zu verschleiern, Boddiens Schloßverein Dilletantismus und dem Architekten des Vereins ein Interview in der rechten Zeitung „Jungen Freiheit“. In der Süddeutschen Zeitung verteidigt Gerhard Matzig die Jury gegen Angriffe von außen.

Auch wenn eine erneute Diskussion jetzt wohl zu spät kommt, ist der Neubau mit Barockfassade in der Öffentlichkeit bisher überhaupt nicht auf Liebe gestoßen, während gleichzeitig das Interesse an der symbolischen Mitte des verletzten Deutsch-Landes nicht abreißt. Das Festhalten am schnellen Palastabriß und schnellem Neubau hingegen ist überhaupt nicht einem besonders guten Entwurf geschuldet, sondern einzig dem Wunsch, die symbolische Macht über die Mitte zu erhalten.

Diese Macht ist keine gute und schon jetzt so offensichtlich auf Sand gebaut. Was nach kurzer Zeit aus dem letzten machtvollen Interpretationsversuch des deutschen Zentrums wurde, sieht man gerade am Palast. Warum eigentlich mußte sich der Bundestag überhaupt mit Städtebau in Berlin auseinersetzen? Wäre es nicht um Klassen größer gewesen, sich über die Nutzung zu einigen und dann einen offeneren Wettbewerb auszuschreiben?

Die Schloßliebhaber haben in ihrer Einfallslosigkeit wohl zuviel gewollt. Ich vermute, daß nach der Jury-Entscheidung nächste Woche die Diskussion weitergehen wird, zumal bei den zu erwartenden sehr hohen Kosten. Leidtragende wird u.a. die Humboldt-Universität sein, deren Sammlungen schon jetzt teilweise in einem erbärmlichen konservatorischen Zustand sind. Und der nächste Symbolstreit guckt schon um die Ecke: das Denkmal für Einheit und Freiheit auf dem Sockel für Kaiser Wilhelm wird sicher noch für Streit sorgen. Ich bin ja dafür, Helmut Kohls wehenden Mantel der Geschichte auf einen Kleiderständer auf dem Sockel zu hängen.
Geifernde Säkularisten bauen ja gern den Kreationismus als neue Bedrohung auf und extrapolieren dann von dort auf jegliche Art von Religiosität. Es ist nur seltsam, daß ich schon Menschen mit allen möglichen Ansichten kennengelernt habe — Moslems, Atheisten, Linksliberale, Autonome, Sozialdemokraten, Ökos, Stalinisten, Kommunisten, Nazis, Bürgerrechtler, DDR-Nostalgiker, BRD-Nostalgiker, Buddhisten, Veganer, Krishnamurti-Anhänger, Punks, Hip-Hopper, Katholiken, Lutheraner, Reformierte und Unierte, Heiner-Müller-Adepten, Zeugen Jehovas, Baptisten und Rammstein-Hörer.
Aber noch nie, nicht einmal im Fernsehen, sind mir Kreationisten begegnet, Leute also, die die Schöpfungsgeschichte wörtlich interpretieren. Es mag ja sein, daß das in Amerika anders ist, aber hier wird offenbar — ähnlich wie bei der Angst vor dem Islam — eine Angst geschürt, für die es so erst einmal keinen Grund gibt.
Trotz des fürchterlichen Namens werde ich bei dem Volksbegehren für eine Wahlfreiheit zwischen Religions- und Ethikunterricht unterschreiben. Viel diskutieren muß man darüber allerdings jetzt nicht mehr — die Argumente dafür und dagegen sind ausgetauscht. Wer aber, wie ich, eigentlich dafür ist, sollte jetzt nicht zögern, zu unterschreiben, denn für „Pro Reli“ wird es knapp.

In Zeiten der Währungsunsicherheit soll man sein Geld in wertbeständigen Dingen anlegen, heißt es, die zudem auch noch nützlich sind. Nun denn: Bei Stevens Auction Company gibt es etwas schönes und wertvolles, das zudem auch noch von praktischem Wert sein kann: Einen original Vampirvernichtungskoffer aus dem 19. Jahrhundert mit Pfahl und Knoblauch.