Botschaften
Montag, 26. Januar 2009- Rigaer Straße
- Ringbahnbrücke Oberspree
Das mystische Mysterium. Ich seh das Universium. Und ich bin nicht allein.
Oha. Da hatte jemand gar kein Gefühl für Timing. Aus Gründen, die man leider erst am Ende erfährt, wird „Rabenherz“ immer mystischer. Dabei verlangsamt sich der Film, der schon nicht besonders rasant begonnen hat, zum Ende hin immer mehr, so daß man irgendwann sehr nervös auf seinem Stuhl herumrutscht. Und einerseits werden Geschichten nicht zu ende erzählt, andererseits wird an allen Ecken und Enden Zeit geschunden.
Ein Bereitschaftsarzt im Krankenhaus wurde mit einem Medikament vergiftet. Leider gibt es kein Motiv und im Prinzip könnte es jeder gewesen sein. Der Psychologe benimmt sich irgendwie seltsam und außerdem gibt es noch die mystische Krankenschwester Maria, die zwar überhaupt keinen Verbindung zum Toten hatte, aber schon deswegen eine Rolle spielen muß, weil sie von Anna Maria Mühe gespielt wird.
Es wird ein bißchen herumermittelt, die Krankenschwester kann durch Handauflegen heilen und den Konflikt zwischen dem Wunsch nach persönlicher Betreuung und dem Zeitdruck nicht lösen und Ballauf hat so seine Wehwehchen.
Am Ende taucht das Gift noch einmal auf und die Zeit bleibt stehen. Leider ohne Spannung. Kamera auf Krankenschwester am Dachfenster. Kamera auf Psychologen. Kamera zurück. Keiner spricht. Krankenschwester geht weg vom Fenster. Psychologe guckt raus. Sieht Ampulle. Kamera auf Psychologen. Kamera wieder auf Ampulle. Kamera wieder ins Dachzimmer. Krankenschwester geht duschen. Kamera auf Orangensaft. Könnte Gift drin sein. Kamera aber noch dreimal zwischen Psychologen und Orangensaft hin und her.
Das Ende dann verblüffend enttäuschend. Entweder haben wir alle etwas verpaßt oder aber es geht nicht mit rechten Dingen zu: Krankenschwester trinkt Orangensaft — wir denken, gleich ist sie tot — sie vögeln, dann aber ist der Psychologe vergiftet. Wie das?
Hübsch: der Erschreckspaß im Keller, bei dem der Film einmal hinter die dräuende Mystik zurücktritt.
Nachtrag: Entscheidendes ist mir entgangen. Mehr dazu in den Kommentaren.
[Erstsendung: 25. Januar 2009]
Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.
Peter Schneider, Leipziger Unternehmer, wird erstochen und ohne Beine in der Elster gefunden. Aufgrund der Strömungsgeschwindigkeit kann leicht errechnet werden, an welcher Stelle er in den Fluß geworfen worden worden war, das aber hilft kein Stück weiter.
Was den Ermittlungen hilft ist Einfühlungsvermögen. Schneider wollte alles unter Kontrolle haben: seine Frau, seine Kinder und den ehrgeizigen Prinzipal. Erreicht wird diese Kontrolle durch Einschüchterung und Geld. Dies führte bei fast allen Personen, mit denen er zu tun hatte, zu vordergründiger Gefolgschaft, die aber immer von Haß oder Gleichgültigkeit begleitet wurde.
Das Thema dieses Filmes ist die Gewalt und wie sie sich fortpflanzt. Gezeigt wird dies an den Ränkespielen im Betrieb, am kaputten Umgang der Witwe Schneider und ihrer Kinder miteinander, vor allem aber an der Familie der Tochter Lina (Layla Laberny), in der sich die Gewalt und das Schweigen fortsetzt.
Hier unterscheidet sich „Schwarzer Peter“ wohltuend von anderen Filmen zum Thema häuslicher Gewalt, indem das tägliche Grauen und die Ausweglosigkeit in der Reihenhaushölle erschreckend deutlich gemacht werden, ohne daß jemals quoten- oder eitelkeitsbedingt der Voyeurismus der Zuschauer bedient wird.
„Schwarzer Peter“ ist sehr genau inszeniert, das gilt sowohl für die Dialoge, als auch für Kamera und den Rhythmus des Schnittes. Susanne Thomalla und Martin Wuttke spielen sich von Folge zu Folge besser aufeinander ein und weiterhin freut man sich als Herzens-Leipziger über die Stadtbilder.
Als solcher fällt einem dann aber auch auf, daß die Leiche in echt nicht aus der Elster, sondern aus dem Karl-Heine-Kanal gezogen wurde, der gar keine Fließgeschwindigkeit hat, sondern ein stehendes Gewässer ist. Aber so wird man eben zum Mitdenken angehalten.
[Erstsendung: 18. Januar 2009]
Vom 5. bis 15. Februar gibt es wieder Filmfestspiele in Berlin. Hinweisen möchte ich zum einen auf die Reihe „Winter adé — Filmische Vorboten der Wende“, in der 15 Filme aus den Ostblockstaaten von 1977 bis 1989 gezeigt werden. „Winter adé“ von Heike Misselwitz — ein guter trauriger Film von 1988 über Mädchen und Frauen in der DDR, der mit einer wunderbaren Klarheit von der verlorenen Zeit berichtet — wird auch gezeigt. Als der Film auf der Berlinale 1989 in West-Berlin lief, konnten die Protagonistinnen nicht dabei sein. Das wird jetzt zwanzig Jahre später nachgeholt. Zur Reihe ein Interview mit dem Kurator Claus Löser.
Außerdem im Forum des Jungen Films: „Material“ — Thomas Heises bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Wendezeit und „Die wundersame Welt der Waschkraft“ von Hans-Christian Schmid („23“, „Requiem“) über den Weg der Schmutzwäsche aus Berliner Hotelzimmern in eine polnische Großwäscherei und die Menschen, die damit zu tun haben. (Das mit dem „Jungen Film“ ist aber ein bißchen albern, in der Winter-adé-Reihe läuft auch Heises „Wozu über diese Leute einen Film?“ von 1980. Wann wird der Mann — immerhin einer der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmer — endlich erwachsen? Und Schmid ist auch schon 43.)
Gesammelte Links von Freitag, 23. Januar 2009:
Monika nimmt in einem sehr lesenswerten Text verschiedene Zeitungsartikel zur Integration behinderter Schüler auseinander und stellt ihnen die traurige Realität gegenüber.
Der Berliner Senat hat sein seit 2007 angekündigtess Gutachten über den realen Strom- und Heizungsbedarf in der Hauptstadt nie vergeben. Die Folge: Die Landesregierung kann Vattenfalls Pläne für den Neubau des Kohlekraftwerks Klingenberg nicht einmal fundiert bewerten.
Der BUND fordert eine öffentliche Debatte über die Energieversorgung
Eine Polemik über unglaubliche Vorgänge bei Demonstrationen in den letzten Tagen.
Gesammelte Links von Mittwoch, 21. Januar 2009:
[…]
Dass das Recht zur freien Religionsausübung im ersten Verfassungszusatz als erstes genannt wird, ist kein Zufall. Als die puritanischen Pilgerväter mit ihren Schiffen an der Küste Neuenglands landeten, erhofften sie sich in der Neuen Welt die Freiheit der Religion mindestens ebenso sehr wie bessere Lebensverhältnisse, Freiheit von geistlicher Bedrückung mindestens ebenso sehr wie Freiheit von materieller Not. Und Freiheit der Religion verstanden sie eben nicht im Sinne von Freiheit von der Religion, sondern als Freiheit für die Religion. Religion und Freiheit sind in Amerika seitdem Zwillingsgeschwister.
[…]
„Rebellion gegen Tyrannen ist Gehorsamkeit gegen Gott“, denn nach [Jeffersons] Überzeugung ist es ein und derselbe Gott, „der uns das Leben gegeben hat und zur gleichen Zeit die Freiheit“.
[…]
Zu den klassischen Freiheiten der Rede und Meinungsäußerung sowie der Religionsausübung fügte [Roosevelt] die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht hinzu.
Sechzig Jahre Volkswagen … sechzig? Wenn wir uns nicht verrechnet haben, wurden hier ein paar Jährchen unter den Nierentisch gefegt – schließlich war der Volkswagen, Treuhänderschaft hin oder her, als es 1949 mit Bundesrepublik, Buttercremetörtchen und Touren nach Italien losging, schon zehn Jahre alt und hatte, unter seinem alten Namen KdF-Wagen, auch schon ein paar Touren nach Polen hinter sich. Historisch korrekt müsste es also eher heißen: „Siebzig Jahre Wertigkeit – gemeinsam hatten wir viel vor. Gemeinsam haben wir viel erlebt, was wir lieber nicht erlebt hätten“
Bei der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es für kleines Geld die hervorragende DVD-Sammlung „Auf den Spuren einer Diktatur“, enthaltend Sendungen des SFB/ORB/RBB-Magazins „Kontraste“ über die DDR/Ostdeutschland aus den Jahren 1987 bis 2001.
Spannend, Gesichter von damals wiederzusehen, die man schon längst vergessen hatte. Und ich spüre bei den Sendungen immer noch die Angst der späten Achtziger Jahre, obwohl ich doch weiß, daß es am Ende gut ausgegangen ist.
Ein hübscher (und vielleicht von den Machern der Sendung gar nicht bemerkter Witz) ist ein Interview mit Stefan Krawczyk nach seiner Ausreise, in dem dieses Beschlagnahmeprotokoll gezeigt wird, während er über dumme DDR-Beamte herzieht:
Mpf. Die FAZ ist zum Jahresanfang nicht nur dünner geworden, sie scheinen auch an den Lektoren zu sparen — es sind jetzt so viele Fehler drin, daß einem die Freude etwas vergeht. Stattdessen beschäftigen sie jetzt Don Alphonso, heißt es. Der korrigiert seine Artikel auch nicht.
Der Geophysiker Taschowski wird erfroren in Badehose im Wald gefunden. Auf dem Gebiet einer LPG soll eine Schweinemastanlage gebaut werden und es regt sich Protest, der von Taschowski durch Gutachten unterstützt wurde.
In der FAZ-Vorabkritik echauffiert sich Jochen Hieber über die Ostalgie im gesamten Polizeiruf (den es doch aber schon lange auch aus dem Westen gibt) und bringt unpassenderweise auch noch Peter Sodann, den ehemaligen Tatort-Kommissar und jetzigen Präsidentenkandidaten der PDS unter. Man merkt, daß Hieber ein Problem mit dem Osten hat, war doch der Schweriner Polizeiruf zwar immer ostspezifisch, bisher jedoch kaum nostalgisch. Auf der Medienseite ist die FAZ leider immer noch Spalterblatt. Bei solchen Texten fängt man ja wirklich an, Uwe Steimles Verschwörungstheorie zu glauben, daß der Schweriner Polizeiruf wegen seiner politischen Einstellung beendet wird.
Aber obwohl Schwerin für herausragende Filme bekannt war, trifft der Langeweile- und Klischeevorwurf auf „Schweineleben“ tatsächlich zu. Die Handlung schleppt, die Dialoge sind nur noch ein Kleinstadtkabarett-Abklatsch der früheren Folgen, der Film wird mit Botschaften an den Zuschauer überfrachtet und man ist froh, als es am Ende vorbei ist.
Erwähnung finden soll die Musik von Kai-Uwe Kohlschmidt.
[Erstsendung 11. Januar 2009]
… sollte vielleicht lieber S-Bahn als Auto fahren. Es ist nämlich so: es schickt sich nicht und ist nicht erlaubt, Fahrradfahrer anzuhupen, zu bedrängen oder — am gefährlichsten — zu dicht zu überholen. Nie.
Zur Erinnerung: Hupen ist innerorts ausschließlich erlaubt, um andere Verkehrsteilnehmer vor drohenden Gefahren zu warnen. In Berlin gibt es fast keine Stelle, an der Fahrradfahrer auf der Fahrbahn ohne Spurwechsel überholt werden können.
Fahrradwege, die nicht geräumt sind, sind natürlich nicht benutzungspflichtig. Solche, die nicht als benutzungspflichtig gekennzeichnet sind (blaues Schild + gleiche Vorfahrtsregeln wie parallellaufende Straße), auch nicht.
Und selbst wenn ein Fahrradfahrer einen benutzungspflichtigen Fahrradweg nicht benutzt, ist er zwar im Unrecht, hat aber erstens meist Gründe, die nicht sofort einsichtig sind (mögliche Konflikte mit rechtsabbiegenden Autofahrern, die nicht aufpassen; mögliche Konflikte mit Fußgängern; Scherben auf dem Weg, schlechte Pflasterung). Zum anderen ist das noch kein Grund, ihn und den Straßenverkehr deswegen zu gefährden.
Idioten.
Jürgen Kaube hat einen guten Text über Bildung und Kritikfähigkeit in unseren Zeiten geschrieben, in dem er sich dafür einsetzt, Schule und Universitäten nicht Aufgaben aufzubürden, für die sie nicht geschaffen sind: Sicherung des Wirtschaftswachstums und Beseitigung sozialer Ungleichheit. Und auch wenn hier ein längerer Ausschnitt steht, empfehle ich Euch sehr, den ganzen Text zu lesen.
Angenommen, man studierte und stiege trotzdem nicht auf. Wäre Erziehung dann gescheitert? Hätten wir uns dann die Kosten und die Zeit für Bildung lieber gespart? Das Elend der Bildungsdebatte liegt in der Unfähigkeit, die Schule als Schule und die Universität als Universität wertzuschätzen: ihre Anforderungen, ihren Eigensinn, ihre besten Traditionen.
Das reicht bis in elementare Einstellungen hinein. Wer heute ein Kinderspiel erwirbt, muss damit rechnen, dass auf der Packung gut sichtbar festgehalten ist, das Spiel fördere die „Feinmotorik“, die „Auge-Hand-Koordination“ und „das freie Spiel“ des Kindes. Es handelte sich in unserem Fall um neun kleine Holzkegel samt Kugel. Solche Aufschriften dokumentieren recht gut das gegenwärtige Verhältnis zu Bildungsfragen. Ehedem Selbstverständliches – Kind und Kegel – wird in einen Leistungszusammenhang gebracht, der seinerseits aber wie eine Parodie von Leistung wirkt. Mitgeteilt wird, das Spiel fördere das Spielen. Wie überhaupt alles, was das Kind angeht, so haben auch Spiele es zu fördern: seine Fähigkeiten, wahlweise auch sein Gehirn oder seine Chancen. Nicht nur das Kegeln, sondern jegliche Form von Bildung wird dabei betrachtet wie ein Mittel, das dem Nachwuchs zur Stärkung verabfolgt wird und zuvor auf seinen Vitamingehalt zu prüfen ist.
Wenn Bildung als ein solches Vitamin erscheint, wird an den Schulen nicht mehr gelesen und gerechnet, weil Bücher wie Zahlen hintersinnige Objekte sind, weshalb sie die Phantasie anregen und den Verstand herausfordern, sondern weil Texte die Lesekompetenz und mathematische Aufgaben die Rechenkompetenz fördern. Das Wort „Kompetenz“ hieß früher einmal „Zuständigkeit“, ist aber inzwischen als betriebswirtschaftlich-erziehungswissenschaftlicher Doppelbalg zum geschwollenen Ersatzbegriff für „Können“ geworden. In der Folge gibt es nichts mehr, wozu man nicht kompetent gemacht werden kann: Teamkompetenz, interkulturelle Kompetenz, Konfliktkompetenz, Unterstreichkompetenz. Dies alles sind keine erfundenen Fälle, sondern Einträge in der endlosen Liste der Unterrichtsziele neuester Pädagogik.
Das Ideal des Unterrichts, vom Kindergarten bis zur Hochschule, sind dann der Methodenkurs und das Kommunikationstraining. Und tatsächlich war es der Eindruck von Beliebigkeit, den die Unterrichtsgegenstände auf viele Erziehungswissenschaftler machen, der sie zu der Ansicht führte, es komme in der Schule nicht auf die Geometrie, die Physiologie der Pflanzen oder Kleists Novellen als solche an, sondern auf „das Lernen des Lernens“. Die eigentlich interessanten Dinge, sagt das, kommen nach der Bildung. Irgendwann hat sich dieser Eindruck auch den Schülern und Studenten mitgeteilt. Vielen von ihnen erscheinen Abitur und Studium inzwischen nur noch als Hindernisse, die sie vom wirklichen Leben trennen. An den Universitäten wird ihnen diese instrumentelle Einstellung zum Lesen, Denken und Problemelösen unter dem Titel „Bologna-Prozess“ heute geradezu aufgezwungen.
Was ist Bildung stattdessen? Zunächst einmal ist sie weniger das Vermögen mitzumachen, als dasjenige, einen Schritt zurückzutreten. Darin steckt, wohlverstanden, keine Polemik gegen die Berufswelt. Sondern nur eine gegen die Vorstellung, es nütze diesen Berufswelten und den Organisationen der Wirtschaft, der Politik, der Erziehung oder des Rechts ungeheuer, wenn ihr Personal nach Art von Tennisspielern agiert, bei denen das Nachdenken dem erfolgreichen Reflex im Weg stünde. Bildung ist keine Technik zur Vermeidung von Schwierigkeiten. Kleists Novellen, die Geometrie und die Physiologie der Pflanzen eignen sich vielmehr als Gegenstände des Unterrichts, weil sie voller Schwierigkeiten stecken, an denen man auch scheitern kann.
Die Bildungskatastrophe liegt also nicht darin, dass uns oben ein paar Pisa-Punkte fehlen, sondern dass uns unten eine Bevölkerung entsteht, die zu elementarer Selbständigkeit nicht mehr in der Lage ist. Und sie liegt darin, dass wir, um Schwierigkeiten zu umgehen und Härten zu vermeiden, Bildung als etwas Leichtes, mittels didaktischer Tricks und Prüfungen, durch die man nicht fallen kann, leicht zu Erwerbendes vorstellen. Die Aversion der Gymnasiasten gegen Mathematik und die daraus folgende Abstinenz gegenüber dem Ingenieursstudium rührt aus der Kontrasterfahrung zu restlichen Schule: Warum auch sollte man etwas studieren, an dem man scheitern kann?
Was kann in einer solchen Lage getan werden? Dreierlei drängt sich auf. Zunächst wäre es nötig, die Zeit der Reformen zu beenden. Seit Jahrzehnten werden die Bildungseinrichtungen von ihnen und einer Reformklasse heimgesucht, die im Ändern einen eigenen Beruf gefunden hat. Ein älteres Wort dafür war Beschäftigungstherapie, heute müsste man von einer Therapieselbstbeschäftigung sprechen, die zu Lasten der Intelligenz unserer Bildungseinrichtungen geht. Ihr Imperativ lautet „Ganz anders als bislang!“, was folgerichtig nach ein paar Runden zur Wiedervorlage aller älteren Modelle unter zwischenzeitlicher Entnervung sämtlicher Betroffenen und einem absurden Zeitverbrauch führt. Hat schon einmal jemand ausgerechnet, wie viele Stunden an Unterricht, Lektüre sinnvoller Texte oder Experimenten im Labor uns die Reformen gekostet haben? Die Zahl dürfte weit über das hinausgehen, was für gute Bildung nötig wäre. Ja, es gibt Luft im System.
Genau so wichtig, wie sie entweichen zu lassen und das ständige Evaluieren, Strukturändern und Strukturänderungenzurücknehmen zu beenden, wäre es, damit aufzuhören, von der Bildung, den Schulen und Hochschulen zu verlangen, was sie nicht leisten können: die Abschaffung der Unterschicht etwa oder die vollständige Kompensation von Gleichgültigkeit gegen Bildung in vielen Milieus. Es ist widersinnig, erst den Begriff der Bildung, den Unterricht und das Studium zu entleeren, sie danach mit Aufgaben anzufüllen, die in die Zuständigkeit der Sozialpolitik, des Managementtrainings oder der Familien fallen, um ihnen zuletzt bei Nichtbewältigung dieser Aufgaben Versagen vorzuwerfen. Wir überfordern und unterfordern die Schulen und Hochschulen zugleich.
Damit aufzuhören leuchtet aber nur ein, wenn man einen Begriff von der eigenen Leistungsfähigkeit des Bildungssystems hat und ihm als Funktion zubilligt, nicht die reichere, die gerechtere, die moralischere oder die besser telefonierende Gesellschaft hervorzubringen, sondern nicht mehr und nicht weniger als wachere, wahrnehmungsfähigere, kenntnisreichere Bürger. Die, das wäre der Optimismus der Bildung, würden sich dann auch von einer noch so tiefen Wirtschaftskrise nicht in Frage gestellt sehen.
Wo ich bisher arbeitete, war ich Teil einer Minderheit und wenn ich so tat, als sei meine Lebensgeschichte genauso normal wie die der anderen, wurde ich manchmal schräg angeschaut.
Dort, wo ich jetzt beschäftigt bin, arbeiten Menschen aller Nationen. In meinem Team aber sind es außer mir vier Polen, ein Russe und ein Westdeutscher. Und ich merke, daß ein Teil meiner Lebenserfahrungen mehr mit denen der slawischen Kollegen als mit denen des Franken zu tun hat.
Leider habe ich den Fotoapparat vergessen, so daß das Foto von Januar 2006 herhalten muß. In diesem Jahr ist es aber viel schöner. Der Rummelsburger See ist in diesem Jahr wieder zugefroren (er tut dies aller drei Jahre) und es tummeln sich groß und klein wie auf holländischen Malereien auf einer Weite, die sonst unzugänglich ist.
Trend-Berlin, das sich seit der bedauerlichen Schließung des Unkul nur noch selten nach Stralau vorwagt, hat DJs und Glühwein aufs Eis geschickt und so haben auch die Friedrichshainer ihre Ecke bekommen.
Es ist wunderschön und wer jetzt noch nach einem Ausflugsziel für heute sucht, möge herkommen, S-Bahn Rummelsburg, Ostkreuz oder Treptower Park.
Im Tiroler Dorf Telfs gibt es eine Stammesfehde zwischen Deutschösterreichern und Türken. Dazu schlimme Sachen wie Zwangsverheiratungen und Rassismus, ausgelöst von einem Moscheebau mit Minarett, gegen den die FPÖ hetzt. Der Bürgermeister stellt sich hinter die Einwanderer und das Minarett, das in einem albernen architektonischen Witz endet.
Zwar mag ich Harald Krassnitzer sehr. Zwar ist Franz Pfurtschneller (Alexander Mitterer) ein großartiger Spießer-Polizist mit einer ordentlichen Portion Wiener Rassismus’ und hat im Dorfpolizisten Vedat Özdemir (Tim Seyfi) einen witzigen Gegenspieler. Zwar sind die Landschaftsansichten, wie oft beim Österreicher Tatort, atemberaubend. Die jungen Bergarbeiter mit den Friedrichshain-Frisuren sind es jedoch nicht. Und Felix Mitterer, der schon die Bücher zu sehr herausragenden Österreicher Tatörtern geschrieben hat, geraten die sozialen Themen manchmal ein wenig zu Wohlfühl-Brei, auch wenn das lange nicht an den deutschen Kitsch heranreicht.
„Der Baum der Erlösung“ ist laut Mitterer „ein Geschenk an die Gemeinde Telfs“, deren Streit um die Moschee tatsächlich in den vergangenen Jahren Wellen in Österreich schlug. Vielleicht hätte man die Sache mit den Zwangsverheiratungen (die vielleicht nur aus Ausgewogenheitsgründen drin ist — damit nicht nur die Deutschösterreicher die Bösen sind) weglassen sollen und es wäre ein guter Film geworden.
[Erstsendung 4. Januar 2009]
Meine neue Arbeitsstelle liegt unweit vom Dorotheenstädtischen Friedhof und dem Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde. Ich mag diese Ecke noch aus Kindertagen sehr, und es hat sich hier noch einiges mehr erhalten als 200 m weiter südlich.
In der Mittagspause gehe ich knirschenden Schrittes durch den Schnee, an den Gräbern bedeutender Männer und unbekannter Frauen mit schönen Namen wie Lucie oder Klara entlang. Es ist schön. Am Donnerstag stand ich an den Gräbern Arnold Zweigs, Johannes Raus (ich wußte gar nicht, daß der schon gestorben war) und Ernst Litfaß’, am Freitag bei Heinrich Mann, Wolfgang Hilbig, Johannes R. Becher und Friedrich August Stüler. Auf Herbert Marcuses Grab steht nur sein Name und „weitermachen!“. Bahro, Bonhoeffer, Brecht, Müller und all die anderen kommen später (à propos: gleich im Radio: Müllernacht) — geht es nach dem Friedhof, kann ich viele Jahre hier arbeiten.
Hinter der Friedhofsmauer steht die neuerbaute Mensa Nord. Ich fand Mensen wegen der Unruhe, dem Geruch und der schlechten Laune immer ganz furchtbar. Diese hier sieht anders aus: sehr hell und drinnen sieht man lachende Studentinnen. Vielleicht gehe ich mal hin.
Ich bin einer der nicht übermäßig vielen Deutschen und vielleicht der einzige Berliner unter den Kollegen. Vor fünf Jahren, bei der Arbeit in einem ganz ähnlichen Umfeld, wurde beim Herkunftsort Berlin sofort gefragt, ob Ost oder West. Heute interessiert das niemanden mehr.
Wir mögen uns hier sehr, und das ist viel wert.
Nachtrag: Biermann (der um die Ecke wohnte) ist einst auch in der Mittagspause über den Friedhof gegangen.
Der reiche chinesische Geschäftsmann Tony Wang (Chike Chan) streitet sich in einer Bar des Frankfurter Flughafens mit anderen chinesischen Teilnehmern an einem Handelskongreß. Nachdem diese ihn verlassen, trifft ihn der Tadschike Shavkat Nazarov, grandios leger und sehr witzig gespielt von Kida Khodr Ramadan. Nach einem Besäufnis von Wang und Nazarov betrunken, wird Wang im Fitneßraum unter einem Gewicht ermordet. Nazarov stolpert weiter durch den Film und taucht immer mal wieder als Running Gag auf. Am nächsten Tag wird Wang von dem chinesischen Putzmann Wen Hai Wan gefunden, der seine Chance sieht und mit Wangs Paß und seinem Flugticket versucht, aus seinem Zwangsarbeitsverhältnis heraus- und zu Frau und Tochter nach Amerika hinzukommen.
Allerdings ist Wang schon ein völlig verpeiltes Gauner-Duett, wunderbar gespielt von Andreas Schmidt und Thorsten Merten, auf den Fersen und nimmt statt seiner nun eben den ihm ähnlichen (und auch von Chan gespielten) Wan mit. Und so entwickelt dieser Film, an dessen Anfang eine Verwechslung zwischen einem stinkreichen und einem bitter armen Chinesen steht, ein farbenprächtiges Bild einer globalisierten Welt, in dem Menschen wie Ware gehandelt werden und jeder sein Glück versucht, aber nur wenige die Chance haben, es zu finden.
Zusätzlich zur oben schon genannten Starbesetzung und dem ständigen Frankfurter Personal spielt Matthias Brandt den Kongreßleiter mit der weißen Weste und auch Wangs ahnungslose Witwe Stefanie ist mit Johanna Wokalek ausgezeichnet besetzt.
Beim „Toten Chinesen“ stimmt auch die Musik und die Inszenierung (Handloegten) ist wie üblich in Frankfurt sehr genau und hält den Zuschauer in Bann. Besonders erwähnt werden muß auch die sichere und einfallsreiche Kamera von Peter Przybylski.
Schön auch die Idee, den Film fast ausschließlich auf dem Flughafen spielen zu lassen, dort aber ganz unterschiedliche Menschen, Milieus und Tageszeiten einzubeziehen. Es wird sehr dicht dadurch.
[Erstsendung: 28. Dezember 2008]
Die Agentur Frontex hat gezeigt, dass es auf europäischer Ebene unterschiedliche Sichtweisen gibt. Als Italien sich mit einer Reihe weiterer Staaten an einen Tisch
zusammensetzte, hat mich erstaunt, dass wir Italiener der illegalen Immigration rechtsstaatlich begegnen, indem wir zunächst Menschenleben retten und erst dann das Delikt ahnden. Andere Staaten benutzen den Begriff diversion, der bedeutet, die Menschen zu zwingen, nach Hause
zurückzufahren. Es ist gar nicht so sehr die Tatsache, jemanden zur Umkehr zu zwingen, sondern wie man ihn dazu zwingt. Wir wurden bei offiziellen Treffen mit Einsatzplänen und schriftlichen Befehlen konfrontiert, laut denen die Abwehr der illegalen Einwanderer darin
besteht, an Bord der Schiffe zu gehen und die Lebensmittel und den Treibstoff von Bord zu entnehmen, so dass die Immigranten dann entweder unter diesen Bedingungen weiterfahren können oder aber lieber umkehren.» Auf Nachfrage des ARD-Dokumentarautors fügte Manozzi hinzu, dass insbesondere die deutschen Verbände die «harte Linie praktizieren» und den Flüchtlingsbooten Treibstoff und Lebensmittel entnähmen.
Die private Agentur Frontex organisiert für die Europäische Union die Abwehr des Zuzuges von Flüchtlingen. In Nordafrika bezahlt die EU (über humanitäre Organisationen) Lager, die zwar offiziell dafür gedacht waren, daß Flüchtlinge dort Asylanträge stellen können. Praktisch ist das dort aber nicht möglich, die Lager dienen einzig dazu, die Flucht nach Europa zu verhindern.
Der Autor Roman Herzog hat für NDR und SWR das sehr interessantes Radiofeature „Krieg im Mittelmehr“ zu diesem Thema verfaßt, das immer mal wieder in ARD-Sendern und jetzt gerade im Deutschlandradio läuft. Das Skript dazu gibt es hier (RTF), eine Zusammenfassung hier.
Gesammelte Links von Sonnabend, 10. Januar 2009:
Wirtschaftskrimi: Adolf Merckle nahm sich das Leben, weil er sich mit Leerverkäufen auf VW-Aktien verspekuliert hatte. Der Gewinner in dem drei Jahre währenden Spekulationsmanöver ist Porsche. Ivan Krstić beschreibt, wie das ging.
(Wenn Du willst, gibt es einen Gott. Fürchte Dich nicht.)
[Nach Neukölln] hat sich eine Jugendrichterin aufgemacht, um den Teufelskreis von überbordender Gewalt und Informationsverlusten zwischen Ämtern zu durchbrechen. Kirsten Heisig hat nur wenige an ihrer Seite, die sich offen zu ihrem vernünftigen Modell bekennen. Ihre Klarheit stört viele, die das Desaster lieber schönreden und gewohnt sind, jede eindeutige Diagnose unter Rassismusverdacht zu stellen. Richterin Gnadenlos hat man sie gerade erst wieder in einer Zeitung genannt. Weil sie Eltern von Schulschwänzern nicht nur Bußgeld androht, sondern sogar sechs Wochen Haft, wenn sie dieses nicht bezahlen. Doch dann zahlen sie zumindest. Die Richterin ist in die Hauptschulen gegangen, wo zuweilen ein Viertel der Schüler schwänzt. Sie wirbt dafür, Schwänzer und ihre Eltern anzuzeigen, weil sich das herumspricht. Und vielleicht eines Tages etwas ändert, denn die brutalen Jungkriminellen jetzt haben fast immer auch eine gescheiterte Schulkarriere hinter sich.
Das „Neuköllner Modell“ peilt nicht schärfere Gesetze an, sondern will zuallererst die geltenden durchsetzen. Die Schulpflicht, das Prügelverbot für Eltern. Weil die Richterin viele Arrest-Verfahren beschleunigt – damit die sehr jungen Prügler und Räuber sich noch erinnern können, was sie in den Gerichtssaal brachte –, ist sie von den Berliner Grünen und der SPD scharf attackiert worden.
Regina Mönch in der FAZ über die Jugendrichterin Kirsten Heisig.
So, der Meyer hat jetzt auch etwas geschrieben, da kann ich endlich auf die FAZ-Blogs hinweisen. Ich werde nicht dazu kommen, in alle hineinzusehen, aber über einige freue ich mich sehr:
[...]
Der Grund, warum Weblogs keine Öffentlichkeit sein können, weder einzeln noch als Chor von Stimmen, ist ihre ökonomische Basis: Sie haben keine. Keine Augenwischerei: Niemand kann sich citizen journalism, der den Namen verdienen würde leisten. Leute, die Öffentlichkeit betreiben und verantwortlich damit umgehen sollen, müssen ökonomisch freigehalten werden — das ist eine Binsenweisheit. Man rettet die Welt nicht nach Feierabend.
Kritische, d.h. erkenntnisorientierte und argumentierende, Öffentlichkeit ist historisch erzeugt worden von einer Knappheit der Broadcasting-Kanäle, die eine Selektion derer nötig machte, die sie bespielen durften — und, wo sie funktioniert hat, durch eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Form des Umgangs mit den zur Verfügung stehenden Kanälen. Eine kritische Öffentlichkeit wird von Leuten initiiert, die wissen, was sie tun. Man kann nur gegen Argumente argumentieren, und um welche vorzubringen, braucht man zunächst einmal Leute, die sich freie, gründliche und redliche Argumente tatsächlich leisten können, intellektuell und ökonomisch.
[...]
Spalanzani über Musikjournalismus, die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Entwicklung von Kritikfähigkeit durch eine öffentliche Debatte. [In Folge auf Diederichsen und Frank Lachmann.]
CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg zu dem Problem, daß eine Steuersenkung nicht unbedingt die Konjunktur belebt, sondern die gesenkten Steuern auch einfach gespart werden könnten:
Wir arbeiten hier mit einem sich mehr und mehr verfestigenden Klischee in einigen Kreisen, dass – wenn man mehr netto in der Tasche hat – dann plötzlich auch mehr sparen würde oder mehr sparen müsste. Das sehe ich nicht.
Da kennt er aber wenige Leute. Ich spare ja — wie viele andere auch — jetzt schon einen großen Teil meines Gehaltes, schlicht, weil im Moment kein Bedarf ist, es auszugeben. Zahlte ich weniger Steuern, würde vom zusätzlichen Geld vermutlich auch nichts dem Wirtschaftskreislauf zufließen, sondern auch gespart werden, gerade weil die Zeiten so unsicher sind, wie sie sind. Ich betone in solchen Fragen ja gern meine Ahnungslosigkeit, aber dieser Spareffekt ist vermutlich umso ausgeprägter, je mehr die Leute verdienen und also Steuern zahlen. Damit wäre eine solche Steuersenkung großenteils fehlgeleitet.
Aber die Schule um die Ecke (nein, nicht die Stralauer) könnte mal wieder renoviert werden. Und an der Universität arbeiten viele meiner ehemaligen Kollegen unter eher anstrengenden räumlichen Verhältnissen, hinzu kommt der gravierende Personalmangel zum Beispiel in der Universitätsinfrastruktur. Das wären vernünftigere Investitionen, die über die Wirtschaftsförderung hinaus noch positive Effekte hätten.
Und wenn man im Wahljahr unbedingt den Leuten selbst Geld in die Hand geben möchte, warum erhöht man dann nicht einfach Sozialhilfe/ALGII? Alleinerziehende Mütter ohne Arbeit haben wenig Möglichkeiten zu sparen und werden das Geld vermutlich sofort wieder ausgeben. Und Wähler sind sie auch.
Gern und oft habe ich die Seiten des 1991 gegründeten Luisenstädtischen Bildungsvereines genutzt. Früher gab es die „Berlinische Monatsschrift“, seit einigen Jahren das wunderbare und wahrscheinlich umfangreichste Internetangebot zur Geschichte Berlins, dessen herausragendster Teil für mich das Straßennamenlexikon war, das alle ehemaligen und heutigen Straßennamen erklärt.
Das Internetangebot des vor allem ehrenamtlich arbeitenden Vereins wurde nun wegen fehlender finanzieller Unterstützung durch den Senat vom Netz genommen.
Ergänzung: In der Usenet-Newsgroup bln.verkehr wird weiterdiskutiert.