Archiv für die Kategorie „Blätterrascheln“
Netzwerker und ihre Moral
Freitag, 5. Juni 2009Der Eklat um die Ausstellung „60 Jahre 60 Werke“ ist ja nur der aktuelle Höhepunkt der Geschichte der selbstgefälligen West-Rezeption der DDR-Kunst vor und nach der Wende. In der heutigen Ausgabe seiner wöchentlicher Kunst-Kolumne in der FAZ auf S. 33 (leider nur gedruckt) stellt Eduard Beaucamp die Netzwerke der westdeutschen Kunstvermarkter dar:
[...]
Die Verfasser des Grundgesetzes waren klüger als manche ihrer heutigen Interpreten. In Artikel 5 Absatz 3 steht: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“ Von der Kunst wird nicht ausdrücklich Verfassungstreue verlangt.
[...]
Auch unter dem Grundgesetz wimmelte es von Extremisten, Verfassungsverächtern und subversiven Negationisten. Doch die Bundesrepublik hat, noch vor dem Markt, etwas erfunden, was die Rebellen in goldene Fesseln legte. Sie hat die Avantgardisten zu Lehrern und Professoren, damit zu pensionsberechtigten und zur Verfassungstreue verpflichteten Beamten gemacht.
[...]
Die Aussteller huldigen der guten Regierung und präsentieren als Dankesgeschenk psalmodierend die freie Kunst aus der alten Bundesrepublik. Das Pathos nährt sich aus der Genugtuung, daß man diese freie Kunst von der angeblich unfreien aus dem Machtbereich der schlechten DDR-Regierung bis heute getrennt gehalten hat.
[...]
In Berlin feiert die Kunst ein trauriges Jubiläum. Noch nach zwanzig Jahren will die Vereinigung nicht gelingen. Die Ausgrenzung hat eine lange Geschichte. Sie reicht von den Boykotten auf der documenta von 1977, dem Ausschluß Osteuropas von der „Westkunst“-Ausstellung von 1981, den Haßkampagnen der Westkünstler nach 1989, dem wütenden Streit um die Fusion der beiden Berliner Nationalgalerien, dem Entsorgungsversuch der Ostkunst 1999 in Weimar bis zu ihrem Fernhalten bei der Ausstattung des Reichstags 2000. Unter all den beleidigenden Abfälligkeiten der Netzwerker im Berliner Katalog (Kunst aus der DDR sei ein ästhetischer Zoo oder verdunste bald, sie sei nicht gleichrangig und dürfe nicht nachträglich rehabilitiert werden) ist der zynischste Einwand, sie sei verzichtbar, weil sie im Ausland wirkungslos blieb. Gerade das nämlich konnten unsere Netzwerker mit ihren verzweigten Einflüssen bis in die auswärtige Kulturpolitik erfolgreich verhindern. Kommen sie aufs internationale Parkett, wie dank der Amerikaner jüngst in Los Angeles, finden gerade die Ostkünstler größte Beachtung.
… und auf ewig …
Montag, 1. Juni 2009Seit 1993 sehr prima, aber im Moment besonders interessant: Die Tagesschau vor 20 Jahren.
…
Sonnabend, 17. Januar 2009Mpf. Die FAZ ist zum Jahresanfang nicht nur dünner geworden, sie scheinen auch an den Lektoren zu sparen — es sind jetzt so viele Fehler drin, daß einem die Freude etwas vergeht. Stattdessen beschäftigen sie jetzt Don Alphonso, heißt es. Der korrigiert seine Artikel auch nicht.
Unterstreichkompetenz
Montag, 12. Januar 2009Jürgen Kaube hat einen guten Text über Bildung und Kritikfähigkeit in unseren Zeiten geschrieben, in dem er sich dafür einsetzt, Schule und Universitäten nicht Aufgaben aufzubürden, für die sie nicht geschaffen sind: Sicherung des Wirtschaftswachstums und Beseitigung sozialer Ungleichheit. Und auch wenn hier ein längerer Ausschnitt steht, empfehle ich Euch sehr, den ganzen Text zu lesen.
Angenommen, man studierte und stiege trotzdem nicht auf. Wäre Erziehung dann gescheitert? Hätten wir uns dann die Kosten und die Zeit für Bildung lieber gespart? Das Elend der Bildungsdebatte liegt in der Unfähigkeit, die Schule als Schule und die Universität als Universität wertzuschätzen: ihre Anforderungen, ihren Eigensinn, ihre besten Traditionen.
Das reicht bis in elementare Einstellungen hinein. Wer heute ein Kinderspiel erwirbt, muss damit rechnen, dass auf der Packung gut sichtbar festgehalten ist, das Spiel fördere die „Feinmotorik“, die „Auge-Hand-Koordination“ und „das freie Spiel“ des Kindes. Es handelte sich in unserem Fall um neun kleine Holzkegel samt Kugel. Solche Aufschriften dokumentieren recht gut das gegenwärtige Verhältnis zu Bildungsfragen. Ehedem Selbstverständliches – Kind und Kegel – wird in einen Leistungszusammenhang gebracht, der seinerseits aber wie eine Parodie von Leistung wirkt. Mitgeteilt wird, das Spiel fördere das Spielen. Wie überhaupt alles, was das Kind angeht, so haben auch Spiele es zu fördern: seine Fähigkeiten, wahlweise auch sein Gehirn oder seine Chancen. Nicht nur das Kegeln, sondern jegliche Form von Bildung wird dabei betrachtet wie ein Mittel, das dem Nachwuchs zur Stärkung verabfolgt wird und zuvor auf seinen Vitamingehalt zu prüfen ist.
Wenn Bildung als ein solches Vitamin erscheint, wird an den Schulen nicht mehr gelesen und gerechnet, weil Bücher wie Zahlen hintersinnige Objekte sind, weshalb sie die Phantasie anregen und den Verstand herausfordern, sondern weil Texte die Lesekompetenz und mathematische Aufgaben die Rechenkompetenz fördern. Das Wort „Kompetenz“ hieß früher einmal „Zuständigkeit“, ist aber inzwischen als betriebswirtschaftlich-erziehungswissenschaftlicher Doppelbalg zum geschwollenen Ersatzbegriff für „Können“ geworden. In der Folge gibt es nichts mehr, wozu man nicht kompetent gemacht werden kann: Teamkompetenz, interkulturelle Kompetenz, Konfliktkompetenz, Unterstreichkompetenz. Dies alles sind keine erfundenen Fälle, sondern Einträge in der endlosen Liste der Unterrichtsziele neuester Pädagogik.
Das Ideal des Unterrichts, vom Kindergarten bis zur Hochschule, sind dann der Methodenkurs und das Kommunikationstraining. Und tatsächlich war es der Eindruck von Beliebigkeit, den die Unterrichtsgegenstände auf viele Erziehungswissenschaftler machen, der sie zu der Ansicht führte, es komme in der Schule nicht auf die Geometrie, die Physiologie der Pflanzen oder Kleists Novellen als solche an, sondern auf „das Lernen des Lernens“. Die eigentlich interessanten Dinge, sagt das, kommen nach der Bildung. Irgendwann hat sich dieser Eindruck auch den Schülern und Studenten mitgeteilt. Vielen von ihnen erscheinen Abitur und Studium inzwischen nur noch als Hindernisse, die sie vom wirklichen Leben trennen. An den Universitäten wird ihnen diese instrumentelle Einstellung zum Lesen, Denken und Problemelösen unter dem Titel „Bologna-Prozess“ heute geradezu aufgezwungen.
Was ist Bildung stattdessen? Zunächst einmal ist sie weniger das Vermögen mitzumachen, als dasjenige, einen Schritt zurückzutreten. Darin steckt, wohlverstanden, keine Polemik gegen die Berufswelt. Sondern nur eine gegen die Vorstellung, es nütze diesen Berufswelten und den Organisationen der Wirtschaft, der Politik, der Erziehung oder des Rechts ungeheuer, wenn ihr Personal nach Art von Tennisspielern agiert, bei denen das Nachdenken dem erfolgreichen Reflex im Weg stünde. Bildung ist keine Technik zur Vermeidung von Schwierigkeiten. Kleists Novellen, die Geometrie und die Physiologie der Pflanzen eignen sich vielmehr als Gegenstände des Unterrichts, weil sie voller Schwierigkeiten stecken, an denen man auch scheitern kann.
Die Bildungskatastrophe liegt also nicht darin, dass uns oben ein paar Pisa-Punkte fehlen, sondern dass uns unten eine Bevölkerung entsteht, die zu elementarer Selbständigkeit nicht mehr in der Lage ist. Und sie liegt darin, dass wir, um Schwierigkeiten zu umgehen und Härten zu vermeiden, Bildung als etwas Leichtes, mittels didaktischer Tricks und Prüfungen, durch die man nicht fallen kann, leicht zu Erwerbendes vorstellen. Die Aversion der Gymnasiasten gegen Mathematik und die daraus folgende Abstinenz gegenüber dem Ingenieursstudium rührt aus der Kontrasterfahrung zu restlichen Schule: Warum auch sollte man etwas studieren, an dem man scheitern kann?
Was kann in einer solchen Lage getan werden? Dreierlei drängt sich auf. Zunächst wäre es nötig, die Zeit der Reformen zu beenden. Seit Jahrzehnten werden die Bildungseinrichtungen von ihnen und einer Reformklasse heimgesucht, die im Ändern einen eigenen Beruf gefunden hat. Ein älteres Wort dafür war Beschäftigungstherapie, heute müsste man von einer Therapieselbstbeschäftigung sprechen, die zu Lasten der Intelligenz unserer Bildungseinrichtungen geht. Ihr Imperativ lautet „Ganz anders als bislang!“, was folgerichtig nach ein paar Runden zur Wiedervorlage aller älteren Modelle unter zwischenzeitlicher Entnervung sämtlicher Betroffenen und einem absurden Zeitverbrauch führt. Hat schon einmal jemand ausgerechnet, wie viele Stunden an Unterricht, Lektüre sinnvoller Texte oder Experimenten im Labor uns die Reformen gekostet haben? Die Zahl dürfte weit über das hinausgehen, was für gute Bildung nötig wäre. Ja, es gibt Luft im System.
Genau so wichtig, wie sie entweichen zu lassen und das ständige Evaluieren, Strukturändern und Strukturänderungenzurücknehmen zu beenden, wäre es, damit aufzuhören, von der Bildung, den Schulen und Hochschulen zu verlangen, was sie nicht leisten können: die Abschaffung der Unterschicht etwa oder die vollständige Kompensation von Gleichgültigkeit gegen Bildung in vielen Milieus. Es ist widersinnig, erst den Begriff der Bildung, den Unterricht und das Studium zu entleeren, sie danach mit Aufgaben anzufüllen, die in die Zuständigkeit der Sozialpolitik, des Managementtrainings oder der Familien fallen, um ihnen zuletzt bei Nichtbewältigung dieser Aufgaben Versagen vorzuwerfen. Wir überfordern und unterfordern die Schulen und Hochschulen zugleich.
Damit aufzuhören leuchtet aber nur ein, wenn man einen Begriff von der eigenen Leistungsfähigkeit des Bildungssystems hat und ihm als Funktion zubilligt, nicht die reichere, die gerechtere, die moralischere oder die besser telefonierende Gesellschaft hervorzubringen, sondern nicht mehr und nicht weniger als wachere, wahrnehmungsfähigere, kenntnisreichere Bürger. Die, das wäre der Optimismus der Bildung, würden sich dann auch von einer noch so tiefen Wirtschaftskrise nicht in Frage gestellt sehen.
Das Drama der unsichtbaren Eltern
Donnerstag, 8. Januar 2009[Nach Neukölln] hat sich eine Jugendrichterin aufgemacht, um den Teufelskreis von überbordender Gewalt und Informationsverlusten zwischen Ämtern zu durchbrechen. Kirsten Heisig hat nur wenige an ihrer Seite, die sich offen zu ihrem vernünftigen Modell bekennen. Ihre Klarheit stört viele, die das Desaster lieber schönreden und gewohnt sind, jede eindeutige Diagnose unter Rassismusverdacht zu stellen. Richterin Gnadenlos hat man sie gerade erst wieder in einer Zeitung genannt. Weil sie Eltern von Schulschwänzern nicht nur Bußgeld androht, sondern sogar sechs Wochen Haft, wenn sie dieses nicht bezahlen. Doch dann zahlen sie zumindest. Die Richterin ist in die Hauptschulen gegangen, wo zuweilen ein Viertel der Schüler schwänzt. Sie wirbt dafür, Schwänzer und ihre Eltern anzuzeigen, weil sich das herumspricht. Und vielleicht eines Tages etwas ändert, denn die brutalen Jungkriminellen jetzt haben fast immer auch eine gescheiterte Schulkarriere hinter sich.
Das „Neuköllner Modell“ peilt nicht schärfere Gesetze an, sondern will zuallererst die geltenden durchsetzen. Die Schulpflicht, das Prügelverbot für Eltern. Weil die Richterin viele Arrest-Verfahren beschleunigt – damit die sehr jungen Prügler und Räuber sich noch erinnern können, was sie in den Gerichtssaal brachte –, ist sie von den Berliner Grünen und der SPD scharf attackiert worden.
Regina Mönch in der FAZ über die Jugendrichterin Kirsten Heisig.
Kleine Presseschau
Freitag, 5. Dezember 2008Was heute so in der Zeitung steht:
- Nils Minkmar in einer wunderbaren Glosse über die traurige Autoindustrie:
Sie kucken traurig und bedroht
Die Automobilindustrie soll, wenn ich das richtig verstanden habe, als Weltkulturerbe der Menschheit anerkannt und voll mit Steuergeldern finanziert werden. Die Autochefstrategen wurden von drei Entwicklungen überrascht: Öl ist rar, und es kommt kein neues nach. Das Verbrennen von Öl ist nicht gut für die Umwelt, darum eignet es sich nicht mehr so zum Angeben. Die Weltbevölkerung wächst, und wenn alle im Auto zum Bäcker wollen, ist bald Schluss mit dem Leben auf der Erde.
Lustigerweise weiß ich über diese drei Sachen einigermaßen Bescheid, weil wir sie in den siebziger Jahren im Sachkundeunterricht hatten – aber an dem konnten die Autobosse ja schlecht teilnehmen. Den gab es im Saarland und nicht dort, wo Autobosse herkommen, dem Explaneten Pluto, glaube ich. Die Autoindustrie kann nur noch von Uri Geller und Erich von Däniken begriffen werden.
[...]
- Und, dazu müßt Ihr aber die gedruckte FAZ auf Seite 35 aufschlagen, Edouard Beaucamp in seiner freitäglichen lehrreichen Kunstgeschichtskolumne über den Kalten Krieg, der immer noch die deutsche Rezeption der geteilten Kunst beherrscht, während Amerika da in seinen Ausstellungen zur deutsch-deutschen Kunst schon weiter ist:
Im kalten Krieg der Künste
Wer schreibt die deutsch-deutsche Kunstgeschichte neu?[...]
Inzwischen haben sich die ostdeutschen Museen, voran die Berliner Nationalgalerie in der Ära Honisch und Schuster, um Gerechtigkeit und Balance bemüht. Nicht so das provinziell gewordene Westdeutschland, wo die andere deutsche Kunst in den großen Museen bislang keine Spur hinterlassen hat und wo selbst Häuser, die Kunst aus der DDR in hervorragender Qualität geerbt haben, wie die rheinischen Ludwig-Museen, diese Werke strikt ausgrenzen und im Depot unter Verschluss halten.
[...]
Unsere Ostkunst ist in Amerika und anderswo auch deswegen unbekannt geblieben, weil sich die stark vernetzte Szene West nach 1989 verschwor, die Konkurrenz klein zu halten und sie vom Kulturexport und den Programmen der auswärtigen Kulturpolitik auszuschließen. Diese verdeckte Kampagne – man denke nur an die Schlacht um die Ausstattung des Reichstages – gehört zu den allertrübsten Kapiteln im Vereinigungsprozess. Vielleicht hilft jetzt die Initiative der Amerikaner bei der Lösung der deutsch-deutschen Kunstverkrampfung.
[...]
Nach dem Bankrott
Donnerstag, 13. November 2008[…]
Jetzt mit dem Finger auf Sündenböcke zu zeigen, halte ich … für Heuchelei. Auch die Spekulanten haben sich im Rahmen der Gesetze konsequent nach der gesellschaftlich anerkannten Logik der Gewinnmaximierung verhalten. Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig.
[…]
… der Zusammenbruch der Sowjetunion [hat] im Westen einen fatalen Triumphalismus ausgelöst. Das Gefühl, weltgeschichtlich recht bekommen zu haben, übt eine verführerische Wirkung aus. In diesem Fall hat es eine wirtschaftspolitische Lehre zu einer Weltanschauung aufgebläht, die alle Lebensbereiche penetriert.
[…]
Es liegt im eigenen Interesse der USA, nicht nur ihre kontraproduktive Einstellung gegenüber den Vereinten Nationen aufzugeben, sondern sich an die Spitze der Reformbewegung zu setzen. Historisch gesehen, bietet das Zusammentreffen von vier Faktoren – Supermacht, älteste Demokratie auf Erden, Amtsantritt eines, wie ich hoffe, liberalen und visionären Präsidenten sowie eine politische Kultur, in der normative Orientierungen einen bemerkenswerten Resonanzboden finden – eine unwahrscheinliche Konstellation. Amerika ist heute tief verunsichert durch das Scheitern des unilateralistischen Abenteuers, durch die Selbstzerstörung des Neoliberalismus und den Mißbrauch seines exzeptionalistischen Bewußtseins. Warum sollte sich diese Nation nicht, wie so oft, wieder aufrappeln und versuchen, die konkurrierenden Großmächte von heute – die Weltmächte von morgen – rechtzeitig in eine internationale Ordnung einzubinden, die keine Supermacht mehr nötig hat? Warum sollte ein Präsident, der – aus einer Schicksalswahl hervorgegangen – im Inneren nur noch einen minimalen Handlungsspielraum vorfindet, nicht wenigstens außenpolitisch diese vernünftige Chance, diese Chance der Vernunft ergreifen wollen?
[…]
Das »Ja, aber…« liegt auf der Hand. In Krisenzeiten braucht man vielleicht eher eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurschtelns.
[via]
Und wann hat Deutschland eine türkische Kanzlerin?
Mittwoch, 12. November 2008Steven Erlanger in der New York Times über die Partizipation ethnischer Minderheiten in Amerika und Europa:
[…]
Measured by political representation of minorities, both the United States and Europe seem lagging, though Mr. Obama’s victory seemed to underscore how much farther behind Europe is.
[…]
A German Obama is beyond [Ferdi Sarikurt's] imagination, he said. “The German government would not allow this to happen because it would think that a person with an immigrant background would favor the foreigners. Maybe this will change when I am 50 years old, if at all.”
Die wollen abschalten von der ganzen Kacke und sich amüsieren
Sonntag, 9. November 2008Morgen in der Taz: Günter Schmidtke, seit 40 Jahren Garderobier in Clärchens Ballhaus im Interview.
Wochenendlektüre
Sonnabend, 8. November 2008In der Zeitung von heute „Menschenfleisch gesucht“ — Mark Siemons über chinesische Internetnutzer, die Polizei bzw. Mob spielen, „Die Katastrophe vor der Katastrophe“ — Raphael Gross über die Augenzeugenberichte von der Reichspogromnacht, die in der Wiener Library in London lagern, „Der Romeo des Alphabets“ — Hannes Hintermeier zum Neunzigsten von Hermann Zapf, sowie, leider nur in der gedruckten Ausgabe der FAZ, Seite Z3, „Spiel mir das Lied von Morricone“ — Wolfgang Sandner zum Achzigsten des großen Filmkomponisten.
Nachrichten aus der ideologischen Antike
Donnerstag, 23. Oktober 2008Also das ist sehr interessant: Der lettisch-sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein traf sich 1929 mit dem blinden James Joyce in Paris und erzählte ihm von seinen Plänen, zum einen den „Ulysses“, zum anderen Marxens „Kapital“ zu verfilmen. Der Plan entstand, als er 29 Stunden Filmmaterial zu „Oktober“ auf zwei Stunden herunterkürzen mußte und dabei vorübergehend hysterisch erblindete.
Alexander Kluge hat jetzt Filmmaterial zum Kapital gesammelt, Stefan Grissemann hat ein sehr lesenswertes Interview mit ihm geführt:
[…]
Man braucht, wie Sie sagen, „einen Schuß Leichtsinn“, um ein Unternehmen wie „Das Kapital“ überhaupt ins Auge fassen zu können. Ist das nicht noch untertrieben?
Wenn man einander mit Bierernst Marx-Texte vorliest, tötet man sie. Erst mit einem Schuß Till Eulenspiegel, der in Helge Schneider einen Nachkommen hat, gewinnen Sie Spielraum. Marx ist Material für die Schulpause, nicht für die Schulstunde.
Eisenstein kündigt in seinen Notaten zum „Kapital“ einen Film an, der „nach dem Libretto von Karl Marx“ entstehen soll. Ist das die Eulenspiegelsche Frivolität, die Sie meinen?
Libretto – also ein künstlerisches Drehbuch, ein Operndrehbuch – ist ein passender Ausdruck. Eisenstein versteht Marx als Künstler. Auch Marx selbst spricht von seinem Werk als einem „artistischen Konstrukt“, also einem Kunstwerk. Ich muß Ihnen sagen: Ich finde Marx als Dichter hochinteressant. Als Ökonom interessiert er mich weniger. Wie faszinierend beschreibt Marx die Zeitgeschichte: wie der Kapitalismus in die Menschen eindringt und in ihnen ein zweites Seelenleben erzeugt, ein zweites Inneres, eine zweite Subjektivität. Wir Filmemacher oder Schriftsteller sind im Grunde Fährtenleser und Kartographen, dafür verantwortlich, die Geographien im Inneren der Menschen zu beschreiben.
[…]
Alexander Kluge: Nachrichten aus der ideologischen Antike ist in drei DVDs mit einem Essay bei Suhrkamp-Insel erschienen.
Links von Donnerstag, 25. September 2008
Donnerstag, 25. September 2008Gesammelte Links von Donnerstag, 25. September 2008:
- Taz: Strandbar soll Spreeufer räumen: Partykommune wird erstes Opfer von Mediaspree
Ach herrjeh. Die BSR als Besitzer des Grundstückes will die Bar 25 weghaben. Das ist wohl vertraglich zumindest zweifelhaft. Aber Bürgermeister Dr. Schulz sollte sich lieber noch mal den Stadtplan ansehen, bevor er die Bar 25 zum wichtigen Bestandteil des Kreuzberger Lebensgefühls macht.
- gedankenträger [man weiß ja nie]: die katastrophe ist perfekt. das ist politik.
Der Berliner SPD-PDS-Senat schafft die Schulhelfer für behinderte Kinder an Sonderschulen ab. „Wir machen nun also offiziell den Schritt von Bildung zu Aufbewahrung. Niederschmetternd ist, daß die Bildung unserer Kinder vom Bildungssenat abgekoppelt und nun offiziell nicht mehr als Bildung anerkannt wird.“
[Der Text ist leider inzwischen offline,
keine Ahnung warumsiehe Kommentar]
Der große Raubzug
Mittwoch, 10. September 2008Zum Glück dürfen die Autoren bei der FAZ schreiben, was sie wollen. Glaube ich zumindest. Das führt dann aber leider auch zu solchen Phänomenen wie dem Medienredakteur Michael Hanfeld. Bei Hanfeld weiß man meist schon vorher, worum es in seinen Artikeln geht: Daß der Islam gefährlich ist. Daß die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender den Untergang der Zeitungen und des Abendlandes bedeuten. Daß die ARD dabei noch ein kleines bißchen schlimmer als das ZDF ist. Am schlimmsten aber ist die GEZ.
Heute nun schreibt er über ein wunderbares Projekt: Google will Zeitungsarchive digital zugänglich machen. Aber anstatt sich zu freuen, daß wichtige Zeugnisse unserer Geschichte in das neue Zeitalter gerettet werden, schreit Hanfeld Zeter und Mordio. Sein Text ist dabei noch weniger von Ahnung getrübt als die Weltuntergangsrufe, die kürzlich im Web anläßlich von Google Chrome aufbrandeten:
[…]
Die Urheber all der Zeitungsartikel, von denen das Nachrichtenportal „Google News“ lebt, werden künftig nicht nur aktuell enteignet, alles, was sie und ihre beruflichen Vorväter jemals zu Papier gebracht haben, verschwindet unter dem Dach des „Google News Archive“. Google errichtet ein virtuelles Zeitungsmuseum, zu dem die Zeitungsleute selbst nur als Besucher Zutritt haben.
[…]
Wer immer, wann immer nachlesen will, welche Zeitung was auch immer geschrieben hat, über Google soll er es bekommen. Dafür wird er mit Werbung beschossen, an deren Umsatz Google die Zeitungsverlage, die im Bauch des Wals verschwinden, mit einem gewissen Prozentsatz beteiligt. Wie hoch dieser ist, das behält der Konzern für sich.
[…]
Während … [den Zeitungsforscher Martin Welke] stets erstaunte, daß die Zeitungen so wenig auf ihre Geschichte blickten – auf Zeitungsgeschichte als Zeitgeschichte, hat Google verstanden, wie man sich diese aneignet, ausbeutet und ausdeutet. Für all diejenigen, die ihr versammeltes Wissen – aktuell, im Archiv, auf Papier und online – selbst bewahren, weitergeben und darauf ihre wirtschaftliche Existenz aufbauen wollen, ist das der nächste Schlag der Raubkopierer, die mit der Digitalisierung der Bibliotheken dieser Welt schon weit fortgeschritten sind.
[…]
Was Michael Hanfeld verschweigt: Google übernimmt zwar die Digitalisierung für Zeitungen, die das nicht selbst machen wollen, andererseits werden auch kostenpflichtige Archive indiziert, so daß auch die Zeitungsverlage davon profitieren dürften. Zum Glück dürfen Autoren bei der FAZ schreiben, was sie wollen. Zum Glück läßt sich der Verlag davon wenig beeindrucken und bietet beispielsweise jetzt schon als einzige deutsche Zeitung ein Abo für Amazons Kindle an. Hoffentlich hat auch das umfangreiche und gute FAZ-Archiv weniger Feindbilder als Michael Hanfeld.
Fortsetzungsromane
Mittwoch, 27. August 2008Ich habe keine Ahnung, ob heutzutage überhaupt noch irgendwer Fortsetzungsromane liest. Ich werde das jetzt mal probieren: Die FAZ, die sich diese Marotte noch leistet, druckt den neuen Roman von Christian Kracht ab, in dem es um ein Konjunktiv-Europa geht. Was wäre geschehen, wenn Lenin 1917 in der Schweiz geblieben wäre, diese jetzt kommunistisch wäre und die Welt sich in einem nicht endenden Krieg befände.
Vielleicht hat sich Kracht ja von dem uralten Radio-Jerewan-Witz inspirieren lassen:
Anfrage an Radio Jerewan: „Könnte die Schweiz sozialistisch werden?“
Antwort: „Im Prinzip ja. Aber schade um die schöne Schweiz.“
Ergänzung: Während die erste Folge noch in deutsch-deutscher Orthographie erschien, fehlt nun, ganz schweizerisch, das ß. Ob sich da wohl der Autor beschwert hat?
Die unbesiegliche Inschrift
Donnerstag, 21. August 2008Sie hatten gehandelt wie die Kinder, als die sie aufgewachsen waren. Sie hatten gedacht, ihnen könne nichts passieren. Nun war ihnen doch etwas passiert.
Vor 40 Jahren wurde der andere Sozialismus in der Tschechoslowakei von der Sowjetunion, der DDR, Polen, Bulgarien und Ungarn niedergeschlagen.
Thomas Brasch, Hans Uszkoreit, Sanda Weigel, Erika Berthold, Frank und Florian Havemann und Rosita Hunzinger, Kinder prominenter Eltern, sind wie viele DDR-Bürger wütend und traurig. Sie schreiben Parolen und verteilen Flugblätter und kommen in Einzelhaft. Danach ist nichts mehr wie vorher, sie verändern sich, jeder in eine andere Richtung.
Die Geschichte der Gruppe wird in einem äußerst lesenswerten Artikel von Marcus Jauer in der FAZ von heute beschrieben. Dieser ist leider online nicht frei erhältlich. Man kann ihn aber für 2×2 € kaufen: Teil 1, Teil 2.
Oder man liest die gedruckte Ausgabe von heute, S. 44 und 45, dann hat man auch gleich noch ein paar Fotos dabei. Es lohnt sich in jedem Falle.
Und Gott zürnt
Sonntag, 27. April 2008„Und als ich mich wandte und von dem Berge herabging, der im Feuer brannte, und die zwei Tafeln des Bundes in meinen beiden Händen hatte, da sah ich, und siehe, da hattet ihr euch an dem HERRN, eurem Gott, versündigt und euch ein gegossenes Kalb gemacht und wart schnell von dem Wege abgewichen, den euch der HERR geboten hatte.“ (5. Mose 9, 16)
Jean Ziegler, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung wird im Tagesspiegel sehr deutlich (der ganze Artikel lohnt sich sehr):
[…]
Der Zynismus der EU-Kommissare in Brüssel ist bodenlos. Sie fabrizieren den Hunger in Afrika und organisieren auf den Meeren die Jagd nach den Hungerflüchtlingen. Sie haben eine halb geheime militärische Organisation auf die Beine gestellt, die oben erwähnte Frontex. Diese Institution ist für die „Verteidigung der Außengrenzen Europas“ zuständig. Sie verfügt über schnelle und bewaffnete hochseetaugliche Abfangschiffe, über Kampfhubschrauber, eine Flotte von Überwachungsflugzeugen, die mit hochempfindlichen Nachtsichtkameras ausgestattet sind, über Radaranlagen, Satelliten sowie über hochentwickelte Mittel zur elektronischen Fernüberwachung.
[…]
Der World Food Report der FAO […] versichert, daß die weltweite Landwirtschaft im derzeitigen Entwicklungsstand ihrer Produktivkräfte normalerweise […] 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Wir sind heute 6,6 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Konklusion: Es gibt kein unabänderliches Schicksal. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die wirtschaftliche, soziale und politische Weltordnung, die vom Raubtierkapitalismus errichtet wurde, ist nicht nur mörderisch. Sie ist auch absurd. Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit. Sie muß radikal bekämpft werden.
[…]
Und der Raubtierkapitalismus ist nicht einfach da. Wir sind die Nutznießer. Und wir tanzen weiter selbstverliebt um das Goldene Kalb, interessieren uns für nutzlose Gadgets, trinken Milchkaffee und fliegen um die Welt, anstatt hinzusehen.
[…]
Wo ist Hoffnung? In der Weigerung des Menschen, eine Welt zu akzeptieren, in der das Elend, die Verzweiflung, die Ausbeutung und der Hunger einer Vielzahl den relativen Wohlstand einer gewöhnlich weißen Minderheit gewährleistet. Der moralische Imperativ lebt in jedem von uns. Es geht darum, ihn zu wecken, den Widerstand zu mobilisieren und den Kampf zu organisieren. Ich bin der andere, der andere ist ich. Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir. Karl Marx: „Der Revolutionär muß imstande sein, das Gras wachsen zu hören.“
[…]
Aus den Zeitungen
Sonnabend, 12. April 2008Das dollste Stück zuerst: Georg Blume, China-Korrespondent der Taz hat den chinesischen Unternehmensberater Wang Wenning auf seinem Weg durch Afrika begleitet. Sollte man unbedingt lesen.
[…]
Sie zahlen den Marktpreis, keinen Solidaritätspreis. Sie machen es richtig. Der Westen hat den Schwarzen Kontinent mit seiner Entwicklungshilfe das falsche Wirtschaften gelehrt. Fürs richtige Wirtschaften in den Zeiten der Globalisierung braucht Afrika heute die Chinesen.
[…]
Außerdem packt die Taz neuerdings zu den kompletten Artikeln auch die Fotos online. Schön das.
[Den Gegensatz zu diesem doch sehr euphorischen Artikel möge dieser Text von Human Rights Watch über chinesische Waffenlieferungen und Zwangsarbeit im Sudan darstellen. Schwierige Welt, das.]
Ich habe hier schon öfter auf die Aktivitäten der BISS gegen die Autobahn durch Treptow hingewiesen (es lohnt sich übrigens immer noch, zu spenden). Inzwischen gibt es auch mehr Echo, der BUND will politisch und juristisch gegen die Autobahn vorgehen und Frau Junge-Reyer verstrickt sich in Widersprüche: sie glaubt, aus demographischen Gründen würde der Autoverkehr langfristig zurückgehen, will aber aus politischen Gründen an der Autobahn festhalten (sprich: die teuerste Straße Deutschlands wird vom Bund bezahlt und nicht von ihr). (Anna Lehmann, Taz).
- Jean-Baptiste Oudry: Das Nashorn Clara in Paris 1749
In der FAZ (S. 35) ein wunderschöner Text von Frank Pergande über das Nashorn Clara. Die zahme Clara wurde 1741 von dem holländischen Seemann Douwe Mout van der Meer aus Indien nach Europa gebracht und dort an den Königshöfen gezeigt. Dabei mußte Mout seine Route genau planen, weil das Nashorn im Unterhalt sehr teuer war und nur Könige bereit waren, genügend Geld für das Ansehen zu bezahlen.
In Paris ist es dann von Jean-Baptiste Oudry für den Ersten Chirurgen des französischen Königs, der auch Direktor des botanischen Gartens war, in einer Größe von 2,5m×4m (!) gemalt worden. Der starb allerdings frühzeitig, so daß Oudry das Gemälde zusammen mit einer ganzen Menagerie von Gemälden exotischer Tiere an den Hof von Mecklenburg-Schwerin verkaufte.
- Albrecht Dürer: Rhinocerus (1515)
Interessanterweise gab es schon 230 Jahre vorher ein berühmtes Nashorn in Europa, das 1515 von Dürer geschnitten wurde. Dürer hat das Nashorn aber nicht selbst gesehen, sondern sich beschreiben lassen.
Oudrys Nashorn, das im Kriege beschädigt wurde, ist jetzt vom Getty Museum Los Angeles restauriert worden. Im Gegenzug wurde die gesamte Menagerie in Amerika ausgestellt und sorgte dort für großes Staunen. Jetzt kommt alles zurück und die Schweriner Gemäldegalerie, die die Bilder ausstellt, veranstaltet ein Fest, im Schloß gibt es das Begleitprogramm „Biester Monster Ungeheuer“, in Güstrow „Einhorn, Elefant und Löwe“ mit Gemälden vor allem von de Vos und in Ludwigslust „Schaulust und Studium bei Riedinger“.
Außerdem ist das Bildnis (Bild auf der Titelseite, Bericht S. 33, Freddy Langer) eines Pflanzenblattes aufgetaucht, das die älteste Photographie der Welt sein könnte und wahrscheinlich schon vom Ende des 18. Jahrhunderts stammt. Bisher hielt man die Aufnahmen, die Nicéphore Nièpce 1825 gemacht hat, für die ältesten erhaltenen Photographien. Allerdings hat Thomas Wedgewood (1771–1805) schon mit Silberchlorid Bilder auf Papier gebannt. Ihm fehlte nur ein Verfahren zum Fixieren, weswegen die Bilder nur bei Kerzenschein angeschaut werden durften.
Des weiteren: Teure Lebensmittel mehren den Hunger, die ungute Stammzellentscheidung des Bundestages (Georg Paul Hefty), die Fahrradhändler leiden unter der Konkurrenz der Discounter (FAZ S. 18, Oliver Hollenstein), dabei kommen die hochwertigen Teile im Fachhandel inzwischen aus Taiwan, während der billige Ramsch in Deutschland produziert wird.
Auf Seite 41 der Hinweis von Tobias Rüther auf den morgigen Polizeiruf mit Edgar Selge. Wird wohl großartig und grausam.
Und: Thomas Thiel hat Don Alphonso besucht, sich die Ingolstädter Mauer angesehen und Tee getrunken. Außerdem war er bei Robert Basic und Tillmann Allmer. Aber ach. Der Text ist in „Bilder und Zeiten“, der Sonnabend-Beilage für die junge Generation erschienen und entsprechend gefällig und nichtssagend.
Update: Konrad Litschko schreibt in der Taz über die Gedenkstätte Berlin-Marienfelde, wo sich einst das Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge befand. Das ist wirklich eine sehr gut gemachte Ausstellung – ich war da auch schon mal.
Update 2: Ach ja, und die FAZ scheint neuerdings darauf hinzuweisen, wenn sie mit dem Inhalt eines Artikels wirtschaftlich oder anderweitig verbunden ist. Find ich gut. Ich warte allerdings noch darauf, daß die unsäglichen Strizz-Cartoons als INSM-U-Boot enttarnt werden.
Wunderschön: Eine Welt in Bildern. Nervig: FAZ.net
Sonnabend, 16. Februar 2008Das ist was: Dietmar Gottschall hinterließ mehr als 10000 Schwarz-Weiß-Negative, undatiert und unbezeichnet, aufgenommen in Westdeutschland, Berlin und anderswo zwischen 1965 und 1980. Diese werden seit einem Jahr von seinem Sohn Juri archiviert und im Internet ausgestellt.
Mehr über das Leben und die Hintergründe von Dietmar und Juri Gottschall steht in diesem Artikel in der FAZ. Allerdings übertreibt es FAZ.net einmal mehr mit dem Leser-Lock-In: während in der gedruckten Zeitung (S. 9) die URL von Gottschalls Website aufgeführt wird, fehlt diese online völlig. Mann, Mann, Mann.
Erziehungscamps? Jugendwerkhöfe?
Sonnabend, 5. Januar 2008Christian Geyer über eine seltsame aber leider typische Debatte:
[…]
Unheimlich war der kurze Moment des Schweigens. Unheimlich, weil er das stumme Zentrum einer politischen Debatte war, die Erkenntnis vorspiegelt, wo erkennbar nur Meinung zu allem und jedem ist. Aus welcher Nacht tritt das Expertentum, das nun plötzlich von jedem beansprucht wird? Es ist, als suche eine haltlose Debatte verzweifelt die Form zu gewinnen, die sie durch ihre orgiastischen Wortmeldungen gerade demoliert. Ja, die Themen liegen auf der Straße. Aber wehe dem, der sie in den Windkanal der Diskursmaschine bläst. Wer diesen Wind sät, nimmt in Kauf, einen Sturm der Hetze zu ernten. Ob der Sturm bis zum hessischen Wahltermin durchbläst?
Ich frage mich ja, ob es nicht magenschonender und billiger wäre, die Aufsichten auf Bahnhöfen einfach wieder zu besetzen.
Blöde Schlampen, alle
Freitag, 23. November 2007Schon passend, daß ausgerechnet der Spiegel einen Oberlehrer wie Sick beschäftigt. In einem Text, der u.a. klarstellt, daß Tschernobyl gar nicht so schlimm war, wie wir immer dachten, heißt es:
Dabei weiß doch heute jedes Kind, wie man cunt schreibt.
Die Nicht-Kampagne der Taz
Mittwoch, 29. August 2007Kampagnenjournalismus ist unangenehm, kommt aber immer wieder vor.
Wer von den Rechten redet, soll aber von den Linken nicht schweigen. Die Sache ist hier allerdings versteckter: Artikel, die hätten geschrieben werden müssen, sind nicht erschienen.
Was ist geschehen?
Sven Hüber war von 1985 bis zum Zusammenbruch zur Wende Politoffizier im Grenztruppenregiment 33 (Berlin-Treptow). Inzwischen ist er als Vorsitzender des Hauptpersonalrates der Bundespolizei für die Einstellungen zuständig. (Das ist i.ü. kein Einzelfall, hört man — die Erfahrungen der DDR-Grenzer werden wohl weiterhin gern bei der Abwehr von Flüchtlingen genutzt). Sven Hüber, der sich u.a. für Hubschraubereinsätze gegen Sprayer einsetzt und dessen Leben in der DDR durch eine Homestory des WDR-Schulfernsehens beleuchtet wurde, fühlte sich in einem anderen Werk zu unrecht benannt:
Roman Grafe, der als Autor u.a. für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, hat 2006 das Buch „Deutsche Gerechtigkeit“ über die juristische Aufarbeitung der DDR-Regierungskriminalität in den Neunziger Jahren veröffentlicht. In diesem Buch wird Hüber als ehemaliger Politoffizier namentlich genannt. Hüber jedoch wollte, daß so nicht über ihn berichtet wird und erreichte durch eine Klage vor dem Landgericht Berlin das Verbot des Buches. Dabei blieb es jedoch nicht: auch die Berichterstattung über das Urteil wurde mehreren Zeitungen verboten und am Ende sogar eine Solidaritätserklärung von Wolfgang Thierse und anderen Persönlichkeiten. Die ARD-Sendung Kontraste hält sich nicht daran, weil sie Hüber als Person der Zeitgeschichte und die Sache als zu wichtig für die Presse betrachtet und berichtet am 8. März dieses Jahres mit Namensnennung. Kurz darauf, am 19. März 2007 werden die Urteile vom Kammergericht Berlin aufgehoben.
Darüber ist vor einem halben Jahr in diversen Zeitungen von der Berliner Zeitung bis zur SZ prominent berichtet worden. Nur in der Jungen Welt und in der Taz läßt sich in den Archiven kein Wort finden. Zu einem Thema, das immerhin die Arbeit der Presse selbst fundamental betrifft. Gut, die Junge Welt wird von einem ehemaligen Stasi-Mann geleitet, da ist eine gewisse Einseitigkeit zu vermuten. Aber die Taz? Immerhin schreibt Johannes (Jony) Eisenberg hier regelmäßig über die Auswirkungen von Gerichtsurteilen auf die Pressefreiheit.
Der Schlüssel scheint bei Eisenberg selbst zu liegen. Er war Hübers Anwalt in den Prozessen gegen Grafe. Seine Kanzlei vertritt jedoch auch die Taz und die Junge Welt.
Es scheint, als nehme die Taz, deren Autor Eisenberg an anderer Stelle die Pressefreiheit gegenüber dem Persönlichkeitsrecht sehr wichtig ist, Rücksicht an falscher Stelle. Ärgerlich das.
Warum ich jetzt darauf komme? Bei Mein Parteibuch gab es immerhin im März und im April schon Texte zu Hüber/Grafe und Eisenberg. Ich bin durch die aktuelle Ausstellung im Schlesischen Busch überhaupt erst auf das Thema aufmerksam geworden.
Links von Montag, 6. August 2007
Dienstag, 7. August 2007Gesammelte Links von Montag, 6. August 2007:
- Berliner Zeitung: Der verrückte Erfinder
Leider fehlen in der Online-Ausgabe die wunderbaren Zeichnungen. Fast sein halbes Leben saß Karl Hans Janke in der Psychiatrie und zeichnete Raumschiffe. Zwanzig Jahre nach seinem Tod wird das zum Glücksfall – für die Kunst und für eine sächsische Klinik.
- taz: Über die fiktive Grenze
Der illegale Grenzübertritt von Mexiko in die USA als Abenteuerurlaub
- taz: Am Ball bleiben
Die Obdachlosen-Fußball-WM fand dieses Jahr in Kopenhagen statt
- taz: Meistens war ich eine Frau
7cent hat mit Erotik-SMS Geld verdient
Zeitunglesen
Dienstag, 17. Juli 2007Ich bin tatsächlich ein zwanghafter Zeitungsleser. Ich lese den „Guardian“, die „Herald Tribune“ und ich durchforste das Internet. Da meine produktivste Arbeitszeit der Vormittag ist, sind die Zeitungen aber natürlich auch der Feind des Schreibens; das ist immer ein Kampf.
[Ian McEwan, FAZ von Sonnabend, 14. Juli, S. Z6]
Links von Freitag, 13.Juli 2007
Sonnabend, 14. Juli 2007Gesammelte Links von Freitag, 13.Juli 2007:
- Olaf Sundermeyer in der FAZ über den Perlentaucher
Die FAZ verklagt den Perlentaucher und schreibt suggestive Artikel
- Reaktion des Perlentauchers auf Olaf Sundermeyers Artikel in der FAZ
Die FAZ verklagt den Perlentaucher und schreibt suggestive Artikel
Da wird Frau Merkel ein Stein vom Herzen gefallen sein
Mittwoch, 6. Juni 2007Bob Geldof habe ihr versichert, „daß bei einem solchen Schritt [Erhöhung der Entwicklungshilfeausgaben] er persönlich auf Kritiker wie Herbert Grönemeyer Einfluß nehmen werde, um deren Kritik zu mäßigen“.
Mehdorns Gruft
Donnerstag, 24. Mai 2007Zuviel Meckern ist nicht gesund und macht vor allem auch keinen guten Eindruck. Wenn man aber die Berliner Planungen miterlebt hat und weiß, daß es Alternativen gegeben hätte, dann kann man manchmal nicht anders als wehmütig-wütend sein. Eine sehr gute Architekturkritik des neuen Lehrter Bahnhofes schreibt Rainer Fischbach in der morgigen Ausgabe des Freitag.
[...]
Ohnehin schon Mitglieder einer Minderheit, erfahren Bahnfahrer in diesem Bahnhof erst recht ihre Bedeutungslosigkeit. Er gibt sich als in Beton, Stahl und Glas verdichtete Verachtung ihrer wesentlichen Bedürfnisse zu erkennen.
[...]
Um die drei Ladenetagen zu ermöglichen und, ein durch die Planung selbst generierter Zwang, die Spree zu unterqueren, mußte das Nord-Süd-Gleis 15 Meter unter die Erde verlegt werden – mit den bekannten kostentreibenden und bauzeitverlängernden Folgen. Dabei wies das Gelände an Gleisdreieck, Potsdamer Platz, Tiergarten, Spreebogen und Spandauer Schiffahrtskanal, durch das die Nord-Süd-Verbindung führt, zum Konzeptionszeitpunkt keine Bebauung auf, die einer oberirdischen Anlage im Wege gestanden hätte.
[...]
Hierzu ist vielleicht noch anzumerken, daß der Tiergartentunnel die Verwirklichung eines Teils der umstrittenen Planung für die Auto-Westtangente ist und die Bahnlinie durch den Tunnel in den Neunzigern auch als Argument gegen die Kritiker dieser Planung herhalten mußte.
Die heutigen Reisenden baden also auf ihren Umwegen gleichsam ein Stück Berliner Streitgeschichte aus.
Allerdings ging es in den damals besprochenen Alternativen weniger um eine oberirdische Streckenführung durch den Tiergarten als eher um ganz andere Verläufe.
Keine Autobahn in Treptow, kein Flughafen in Tempelhof
Montag, 14. Mai 2007Die Taz lügt nicht immer. In der morgigen Ausgabe gibt es einen hübschen Text über Harald Moritz, der den Widerstand gegen die Autobahn durch Treptow organisiert.
Außerdem gibt es eine Bürgerinitiative, die sich für eine sinnvolle Nachnutzung des Tempelhofer Feldes einsetzt und gegen einen Weiterbetrieb als Flughafen. Am 23. Mai gibt es eine Führung, für die man sich noch bis übermorgen anmelden kann.
Taz fährt Bus
Sonntag, 6. Mai 2007Eigentlich lese ich die Taz ganz gerne, weil man ihr anmerkt, daß dort mit Leidenschaft geschrieben wird. Daß sie nicht die ganze Themenbreite der FAZ, der Süddeutschen oder der NZZ abdeckt, kann man daher leicht hinnehmen. Bei den Zeitungen mit Berliner Regionalteil spielt sie (seit der Einstellung der Berliner Seiten der FAZ) locker an vorderster Stelle mit. Eines der Highlights morgen wieder: Freibank — der lange Text von Gabriele Goettle.
Was mich dann aber doch ärgert sind betont zeitgeistige Texte, die seit etwa 8 Jahren immer mehr werden, in denen auf eine distanzlos-kumpelhafte Art versucht wird, augenzwinkernde Nähe zum Leser herzustellen. Texte, denen man anmerkt, daß es schnellgehen soll; Texte, die sich nicht durch auf Recherche gründende Sorgfalt auszeichnen, sondern solche, die dem alternden Leser auch nach Jahren klarmachen sollen, daß man doch gemeinsam auf der richtigen Seite steht.
Andreas Becker habe ich hier neulich schon erwähnt mit seiner lockeren Bemerkung zur Politikabsenz in der heutigen Zeit. Jetzt ist er (er nennt sich im Text allerdings „man“) Bus gefahren — dort, wo der gewöhnliche Kreuzberger das Grauen vermutet: in Marzahn. Und hat — wer hätte das gedacht — ein Klischee neben dem anderen entdeckt: vom Rentner bis zum ungebildeten Mädchen, das den Flughafen Tempelhof für klassizistisch hält.
Ich weiß nicht, ob ich da zu streng bin, aber neben den anderen Belanglosigkeiten finde ich es wirklich eine unglaubliche Entgleisung, wenn da die Rede ist von der
Hochschule mit dem Faschoprovonamen „Alice Salomon“.
Immerhin wurde die Schule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik von Alice Salomon gegründet. Und ja, wie der Name vermuten läßt, war sie Jüdin und mußte nachdem sie aus ihren Ämtern gedrängt wurde, emigrieren. Lustig geht irgendwie anders.
Immerhin scheint die Taz nicht einmal das Fahrgeld nach Marzahn für Andreas Becker zu haben — vielleicht wäre es schöner, wenn andere Menschen nach Marzahn führen.
Aber dennoch hat sich Bolle?
Montag, 30. April 2007
- Heute Mittag vorm Heinz Minki
Nach dem Artikel in der FAZ über das Bollegrundstück heute in der Taz ein Interview mit dem damaligen Brandstifter, der später 750 Brandstiftungen gestanden hat und jetzt im Maßregelvollzug sitzt:
Dann haben einige Leute Molotow-Cocktails in den Laden geschmissen. Ich habe mir gedacht: So funktioniert das nicht. Das verursacht doch keinen großen Schaden. Ich werde denen mal zeigen, wie man es richtig macht.
Das Leben in der Klapsmühle hat mich politisiert. Egal, ob es sich um Brandstifter, Sexualstraftäter, Mörder oder Kleptomanen handelt – man steckt sie hinter Mauern und vergißt sie. Es ist viel schlimmer, als im Knast zu sein. Man weiß nie, wann man rauskommt. Wenn ich 15 Jahre Knast bekommen hätte, wäre ich längst draußen.

