Die Hütchenspieler

Montag, 13. Februar 2006

Wer in den achtziger Jahren in Berlin aufwuchs, kam nicht umhin, hin und wieder auch RIAS 2 zu hören. Auch wenn die aufregende Musik auf anderen Sendern lief, mußte man, schon um auf dem Schulhof mithalten zu können, wissen, was im RIAS gelaufen war.

Man kam (die anderen Sender hatten außer DT 64 kein durchgehendes Jugendprogramm) dabei hin und wieder nicht umhin, die unerträgliche Gute-Laune-Nase “dör alte Ami Rik de Lisle” über sich ergehen zu lassen. (Ich habe in meiner Jugend mit einem solchen Enthusiasmus am Radio gesessen, daß ich mir fast jeden Scheiß gemerkt habe.)

De Lisle ist inzwischen Europachef bei Alan Burns & Associates, einer Beratungsgesellschaft für Radiosender. Seit 1997 krempeln sie die unter Hörerschwund leidenden deutschen Privatsender um, mit einem Programm aus guter Laune, Gewinnspielen und vorproduzierten Sendungen. Dabei bleibt das eigentlich aufregende am Radio, live, schnell und unmittelbar zu agieren, auf der Strecke.

Das Unangenehme an der Sache ist, daß sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender im Buhlen um die davonlaufenden Hörer mit zweifelhaftem Erfolg dieser Rezepte bedienen. Eine Ursache dafür mag in den ungenau erhobenen Zahlen der Media-Analyse fürs Radio liegen: im Unterschied zum Fernsehen werden Hörerzahlen im Radio durch Befragungen ermittelt. Diese Zahlen sind wiederum bei der Festlegung von Werbepreisen von Bedeutung. Eine (kurzfristige) Strategie ist es dabei, den Sendernamen, z.B. durch brutale Weck-Aktionen so in die Hörer einzuprügeln, daß sie sich bei der Befragung an nichts anderes mehr erinnern können.

Ein bei verschiedenen Sendern angewandter Plan von Alan Burns & Ass. ist die kalkulierte Entlassung eines Moderators, der angeblich versehentlich ein Lösungswort verraten hat, um so Schlagzeilen zu bekommen.

All das beleuchtet Horst Müller, Professor in Mittweida, in einem feinen Artikel in der heutigen FAZ (gedruckt S. 44) .

Einen langfristig hoffentlich erfolgreicheren Weg gehen Deutschlandfunk und Deutschlandradio, sie folgen ihren Hörern ins Internet: viele Sendungen sind als Podcast erhältlich, zu den meisten gibt es Manuskripte und Hintergrundinformationen zum Download.

Aufregend: die Kurzhörspiele der Wurfsendung (Podcast-RSS).

2 Responses to “Die Hütchenspieler”

  1. Ein schöner Artikel über das Elend mit dem Radio fand sich vor knapp einem Jahr in der ZEIT: “Rettet das Radio”

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